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aus dem Heft: 2017/03: Hass und Hetze im Netz
in der Rubrik: publikationen

Vedder, Björn (2017). Neue Freunde. Über Freundschaft in Zeiten von ­Facebook. Bielefeld: transcript. 200 S., 20,99 €.

Freundschaft ist eine fundamentale Säule des Lebens, gestaltet den Alltag, formt Interessen und Vorlieben. Sie gibt dem Alter Ego die Chance, sich in ihr zu entfalten, aber auch wiederzuerkennen und sich seiner selbst zu vergewissern. Nicht ohne Grund können soziale Netzwerke wie Facebook enorme Nutzerzahlen verbuchen, obwohl gerade diese Art der Freundschaftspflege in der Kritik steht. Doch was wird im heutigen zeit- und ortsunabhängigen Alltag (noch) unter Freundschaft verstanden?
Mit einem philosophischen Ansatz untersucht Vedder in Neue Freunde anhand popkultureller, zeitgeschichtlicher Materialien – wie literarische Klassiker, Lieder und filmische Kassenschlager –, was unter diesem Phänomen verstanden wurde und wird. Dabei steht zunächst eine begriffliche Annäherung im Vordergrund, getreu der Kant'schen Auffassung, dass "eine Praxis nur gelingen kann, wenn sie auf einem angemessenen Begriff der Sache basiert". Die Suche nach Glück erscheint als zentraler Beweggrund für Freundschaften. Allerdings dienen sie auch dem egoistischen Interesse, sich als liebenswerten Menschen bestätigt zu wissen. Dieses Spannungsverhältnis zwischen theoretischem Glück und praktischenm Narzissmus legt Vedder anhand eines Theorieentwurfs offen und entwickelt zugleich Prinzipien für das Gelingen von Freundschaft.
In einer gelungenen Verknüpfung philosophischer Ansätze mit den Freundschaftsinterpretationen antiker Klassiker bis zeitgenössischer Popkultur gelingt ihm ein mediengeschichtlicher Zirkelschlag. Mühelos vergleicht er Aussagen großer Philo­sophen wie Sokrates, Humes oder Kant mit Freundschaftsdeutungen aus Film, Literatur und Musik sowie aus Studien und Theorien – und findet stets zurück zur heutigen Freundschaftskultur, verkörpert vor allem durch Facebook. Ohne einen Ratgeber zu liefern und dem Pessimismus der gegenwärtigen Kulturkritiken vorbehaltlos zu folgen, plädiert Vedder für ein positives Verständnis des in der Freundschaft innewohnenden Narzissmus und motiviert Lesende implizit, sich auch mit dem eigenen Narzissmus auseinanderzusetzen.
Neue Freunde eignet sich insbesondere für Fachkräfte und Inte­ressierte in der pädagogischen Kulturvermittlung wie auch für Medienpädagoginnen und -päda­gogen, die die Bedeutung von Freundschaft innerhalb der Mediennutzung hinterfragen und in Bezug auf das ständige Vergewissern der eigenen Liebenswürdigkeit und der resultierenden Kontrolle affirmativer Gesten von Freundinnen und Freunden – Stichwort Facebook-Sucht – zum reflexiven Denken anregen möchten.

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    Autor/innen: Antje Müller
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