Inhalt

aus dem Heft: 2017/05: Self-Tracking. Lifelogging. Quantified Self.
in der Rubrik: kolumne

Antje Müller: Unentschlossen.

Die Wahl ist geschafft. Demokratisch, frei und natürlich geheim – ohne Frage! Stetig begleitet von einer leise fordernden, digitalen Stimme. Gestützt durch eine nicht abreißende Informationsflut. Versorgt mit hitzigem Austausch. Nützliche ‚Informantinnen‘ und ‚Informanten‘ sind immer ganz nah, hauchen zuverlässig Meinungen und wispern visionäre Vorhaben. Spielend beantworten sie Fragen, streuen Informationen, basteln Profile, wirken sympathisch. Sie, die Anderen, wirken in unserem kleinen digital-privaten Raum vertrauensvoll. Sie geben, was wir denken gerade zu brauchen: Aufmerksamkeit, Likes, Ranks. Bedeutsamkeit! Social Bots, ihr Name. Ursprünglich angesetzt, um Erkenntnisse aus Mustererkennung und Datenkorrelation zu gewinnen, simulieren sie menschliche Verhaltensmuster in einem ‚fiktiven‘ Gespräch mit echten Folgen – für uns! Ein komplexer Algorithmus, der es, auch dank dubiosen Bot-Wettrüstens, geschafft hat, das Social Web mit peniblen Sammel- und übermotivierten Streuaktionen zu kolonialisieren, um mit vermeintlich geringem Sinngehalt jederzeit gigantische Pseudoreichweiten zu erwirken. Seine Ziele können unterschiedlich sein, je nachdem was seine Entwicklerin bzw. sein Entwickler umgetrieben hat. Ob sie nun Hilfestellungen geben, um sich im Meer überbordender Newsmeldungen zurechtzufinden, Trends aufspüren, ablenken, unterhalten, provozieren, verwirren – manipulieren?! Seit Snowden wissen wir, sie sind ein wesentlicher Teil des Überwachungsgefüges. Und seit Trump, Brexit und AfD wissen wir nun auch: Sie eignen sich hervorragend zur politischen Stimmungsmache. Ist es unsere Blindheit oder sind sie einfach begabt? Warum lassen sich Code und Neuronen nur noch mühsam unterscheiden? Vielleicht liegt es daran, dass wir Sozialität nicht mehr nur exklusiv dem Konstrukt Mensch zugestehen. Vielleicht ist Mensch aber auch zu sehr damit beschäftigt, das Wie zu analysieren statt zu hinterfragen wer mit wem und warum. Oder ist es etwa die Unsicherheit, wonach überhaupt Ausschau gehalten werden soll, in dieser mit allem so überfüllten techno-kulturellen Gesellschaft? Da ist es doch schön, wenn so ein Bot den Spiegel hochhält und zeigt, wie wir uns bewegen, wonach wir suchen (werden) und wo es lang geht. Parameter für Paramater hat er sorgsam entschlüsselt, was soziales Verhalten ausmacht, worin Vertrauen besteht, und das in Algorithmen umgewandelt, was wir für glaubwürdig halten. Deviant. Konform. Neoliberal? Die Meinung wird niemandem aufgedrückt. Natürlich haben wir sorgsam hinterfragt, und sind auf verantwortungsvolle Weise unserem freien, unabhängigen Willen in einer geheimen Abstimmung gefolgt. Tweetstat, Botswatch oder Botometer haben im Zweifel geholfen. Doch die Frage ist: Wozu überhaupt informieren, wenn sich das Gesuchte aus den eigenen geistigen Erzeugnissen speist? Warum sollten Gütesiegel, Spamschutz, Meldepflichten und die geliebten Gesetze den Rettungsring noch auswerfen? Schließlich bereitet es doch so viel mehr Freude, im vertrauten Nest zu brüten. Außerdem soll doch anderen nicht der Spass genommen werden, das Projekt ‚Dekonstruktivismus: Mensch‘ voranzutreiben.

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    Autor/innen: Antje Müller
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