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Alice ist erwachsen geworden

und reist für Erwachsene durch das Wunderland.

Das Land der Unmöglichkeiten wurde renoviert: Die Disney-Studios und Regisseur Tim Burton haben die Geschichte von Alice, die im Wunderland landet, neu interpretiert und mit realen Darstellern sowie aufwendiger Animationstechnik inszeniert. Die Zuschauerinnen und Zuschauer erleben das wohl surrealste Land der entfesselten Fantasie mit den kuriosesten Charakteren und einmaligen Szenerien. Doch ist das neue Wunderland auch das Reich einer kindlichen Fantasie?
Im Unterschied zu der bekannten Disney-Zeichentrickverfilmung von 1951, die nur eine von vielen weiteren Umsetzungen war, hält sich die Handlung nicht so genau an die Romanvorlage (1865) des Briten Lewis Carroll. Damals stolperte die kleine Alice durch eine Aneinanderreihung von Absurditäten und Verrücktheiten, welche völlig wild aus der Phantasie des Autors zu entspringen schienen. Während die grotesken Gestalten und der verrückte Humor im Wunderland erhalten bleiben, strickt Burton nun mehr Ernsthaftigkeit, einen Leitfaden und eine klassische Aufteilung in ein gutes und ein böses Lager in seinen 3-D-Film, der ab 04. März 2010 in den deutschen Kinos anläuft.
Alice, die einige Jahre gealtert ist, träumt nun keinen bloßen Tagtraum mehr, sondern befindet sich tatsächlich im Wunderland, welches nun "Underland" heißt. Sie trifft dort auf bekannte Gestalten, unter anderem das weiße Kaninchen, die Zwillinge Dideldum und Dideldei, den verrückten Hutmacher und die Wasserpfeife rauchende Raupe. Diese erklärt Alice, dass sie laut einer Vorsehung das Underland von der Tyrannei der roten Königin befreien soll. Zunächst verwirrt und ungläubig stellt sich Alice den Herausforderungen und wächst daran. Sie verbündet sich mit der weißen Königin und damit der guten Seite, um in die finale Schlacht zu ziehen und sich letztlich selbst zu finden. Aus dem vermeintlichen Stoff für Kinder wurde eine anspruchsvollere Geschichte mit einem ernsten Unterton gestrickt.
Dem straffer gezogenen roten Faden steht nun die Art und Weise der Inszenierung gegenüber. Tim Burton benutzt bewährte Mittel, um dem Film seinen markanten Stempel aufzudrücken: Dabei entsteht ein düsteres und unheimlicheres Wunderland und die ursprüngliche Albernheit und Leichtigkeit der Carroll-Geschichte gehen verloren. Die Inszenierung von 1951 entsprach zwar auch nicht einem typischen Disney-Muster: Es fehlten die typische Dramaturgie, die auflösende Moral zum Schluss und ein gewisser Kitsch. Dennoch war es optisch und atmosphärisch eine Disney-Inszenierung und damit wesentlich kindertauglicher. Die Figuren erschienen sympathisch bis schrullig und alles in allem harmlos. Daher gab es auch keine Altersbeschränkung. Die FSK hat nun Burtons Film erst ab 12 Jahren frei gegeben. Dies wird vor allem durch die durchaus vorhandenen Gewaltdarstellungen am Ende des Films und die düstere Atmosphäre gerechtfertigt.
Die Produktion an sich war nicht zuletzt wegen der aufwendigen Animationen in 3-D Technik und dem namenhaften Schauspielerensemble mit 250 Millionen Dollar verhältnismäßig teuer. Es liegt in der Natur der großen Filmproduktionen, dass das Produkt ein Erfolg und die Gewinnspanne maximiert werden soll. Daraus lässt sich schließen, dass die Macher des Films nicht auf Action, authentische Emotionen und einen dramatischen Showdown verzichten wollten oder konnten. So soll neben Fantasy- (und Tim Burton-)Fans eine breitere Masse angesprochen werden. Mit Johnny Depp als verrücktem Hutmacher konnte dafür ein Aushängeschild gewonnen werden, welches der ohnehin intensiven Reklame für den Film wohl keinen Abbruch getan hat. Optisch brilliert Alices´ Reise mit den innovativen Animationen in 3-D Technik. Der Vorreiterfilm Avatar hat in dieser Liga Maßstäbe gesetzt, die seinesgleichen suchen. In diesem Punkt reitet Alice im Wunderland auf einer Welle mit, die sich wohl durchsetzen wird.
Man könnte den Machern vorwerfen, dass sie beinahe berechnend den verschiedensten Ansprüchen gerecht werden wollen. Zwischen den vielen Erwartungen tun sich allerdings Gräben auf, deren Überbrückung nicht gänzlich gelingt. Die Frage wird sein, ob dieses Experiment gelingt und das Publikum in der Breite angesprochen wird. Nur eine Zielgruppe fällt dabei leider unter den Tisch: Die Kinder – obwohl das Buch von Carroll als Kinderbuch veröffentlich wurde.
Eine reine Kindergeschichte war Alice im Wunderland allerdings nie. Die Zeichentrickversion richtete sich rein äußerlich noch an Kinder, doch war die Alice-Geschichte schon immer auch ein Thema für Erwachsene; die vielen Querverweise und Vergleiche zu Literatur (Douglas Adams), Musik (John Lennon) und anderen Filmen (The Matrix) zeigen dies klar auf. Vor allem der Vergleich der Wunderlandreise mit Drogentrips wird immer wieder gern reproduziert.
Nun ist die neue Version gerade durch die Art der Inszenierung weiter von der Kindertauglichkeit entfernt als je zuvor. Die Zielgruppe ist nun älter, breiter gestreut und insgesamt – was wohl kein Zufall ist – zahlungskräftiger.
Tim Burtons Wunderland hat genau wie Alice selbst die Kindlichkeit hinter sich gelassen und befindet sich in dieser Version mit beiden Beinen in der Welt der Erwachsenen.


Julian Kasten


Alice im Wunderland (Alice in Wonderland)
USA 2010, 108 Min.
Regisseur: Tim Burton
Darsteller: Mia Wasikowska, Johnny Depp, Anne Hathaway, Helena Bonham Carter, Michael Sheen, Christopher Lee, Steven Fry, Alan Rickman, Noah Taylor, Timothy Spall, Marton Csokas
FSK: 12
Walt Disney Pictures
Deutscher Kinostart: 04.03.2010
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