Das Chatten scheint angesichts vieler Anfragen und oftmals geäußerter Wünsche von Kindern nach Chatmöglichkeiten - neben dem Spielen - eine der Lieblingsbeschäftigungen der Kinder im Netz zu sein.1 Auf einer Tagung von "Seitenstark", der "Arbeitsgemeinschaft vernetzter Kinderseiten" (www.seitenstark.de) im Mai 2003 in Hamburg, bei der es um den Jugendschutz im Netz ging, wurde dann der Wunsch laut, auch auf den vernetzten Kinderseiten von "Seitenstark" Chats für Kinder anzubieten. Nur durch Moderieren und Betreuen lassen sich sichere Chats für Kinder realisieren. Entsprechend der Grundsätze und Ziele von Seitenstark war den Betreibern und Redakteuren von sicheren Seiten für Kinder klar, dass die Chats betreut bzw. moderiert werden mussten. Technische Lösungen galten als ungeeignet. Ein gemeinsames Projekt mit dem Lehrstuhl Medienpädagogik und Weiterbildung am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig war geplant.
Per Aufruf fanden sich in Leipzig zwölf StudentInnen, die das Thema interessierte und die sich neben ihren Studienaufgaben mit dem Moderieren von Chats für Kinder beschäftigen wollten. Die ersten Besprechungen und Auswertungen von diversen existierenden Chaträumen führten schließlich zu praktischen Überlegungen für einen durchgängig betreuten Chat.
Das Konzept
Das "Chatkonzept" wurde von Anke Hildebrandt (vgl. www.kidsville.de) in Bielefeld entwickelt. Ihren umfassenden und langjährigen Erfahrungen mit "Kindern im Netz" und dem Engagement aller am Projekt beteiligten ist es zu danken, dass schon nach wenigen Wochen Arbeit ein praktisch umsetzbares Konzept vorlag. Neben der Beteiligung an der Entwicklung des Chatkonzepts und der Betreuung der zukünftigen Chats lagen die Erkenntnisinteressen der Leipziger StudentInnen darin zu erfahren, wie Kinder in virtuellen Räumen kommunizieren, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten sie dabei entwickeln bzw. schon entwickelt haben, welche Steuerungsmaßnahmen durch Erwachsene möglich und nötig sind. Als Beispiele für mögliche Fragestellungen wurden formuliert:
n Wie bewusst wählen Kinder welche Nicknames?
n Wie lange halten sie sich im Chatraum auf?
n Kehren sie regelmäßig wieder?
n Wie steigen sie in die Kommunikation ein?
n Welche Sprache sprechen Kinder im Netz?
n Welche Fragen werden gestellt, welche Themen interessieren?
n Bilden sich "feste Gruppen" von Chattern, die wiederkehren oder sich verabreden?
n Was erwarten Kinder von den ModeratorInnen?
n Was erwarten Kinder von den anderen Chat-TeilnehmerInnen?
Entstehen sollte auch ein Leitfaden zur sinnvollen Moderation von Kinderchats.
Großen Raum im Konzept nahmen die technischen Rahmenbedingungen ein. Es war beabsichtigt, mehrere Internetangebote für Kinder für den Chat zu vereinigen, den Chat in Leipzig am Zentrum für Medien und Kommunikation der Universität Leipzig (vgl. www.uni-leipzig.de/~zmk) zu moderieren und durch Guido Adam (vgl. www.milkmoon.de) in Hamburg technisch zu betreuen.
Inhaltlich bezieht sich das Konzept auf die zu schaffenden Rubriken und Texte für Kinder (Anleitung, Tipps, "Chatikette" usw.), auf die Texte für Erwachsene (Eltern, Lehrer, Interessierte), auf die bei Kindern so beliebten "Smileys", auf die Visitenkarten der ModeratorInnen, auf Filterlisten (Bad Words), die unter bestimmten Bedingungen genutzt werden sollten und verschiedene mögliche Chats (Themen-Chat, Prominenten-Chat, Experten-Chat). Für die Moderation wird festgelegt, dass der Chat zu jeder Öffnungszeit moderiert wird und dass es grundsätzlich zwei Möglichkeiten für eine Moderation gibt. Variante eins sieht vor, dass jeder Beitrag vor der Veröffentlichung gegengelesen und erst dann freigeschaltet wird. In der zweiten Variante liest ein/e ModeratorIn im Chat mit und "überwacht" die Unterhaltung. Sobald ein Chatteilnehmer gegen die Chatikette verstößt, greift der/die Moderator/in ein: In einem ersten Schritt ermahnt er/sie und bittet um Beachtung der Chatikette. Wenn dies keine Wirkung zeigt, kann er/sie den Störenfried sperren und aus dem Chat ausschließen.
Die Probechats wurden nach dem zweiten Prinzip moderiert. Wir sind davon ausgegangen, dass wir auch zukünftige Chats nach diesem Prinzip moderieren werden, wir mussten jedoch diese Annahme später revidieren. Für die ModeratorInnen wurde eine eigene, den TeilnehmerInnen am Chat bekannt gegebene Email-Adresse eingerichtet (chat.ag@uni-leipzig.de).
Die Tests
Ein erster Probechat fand am 10. Dezember 2003 von 15 bis 17 Uhr statt. Vier Internetseiten für Kinder waren vereint und hatten auf ihren Seiten den Chat angekündigt. Aus heutiger Sicht würde man sagen, er verlief problemlos. Alle zwölf ModeratorInnen nahmen aktiv als ModeratorIn oder als Chat-TeilnehmerIn teil und tauschten anschließend ihre Erfahrungen und vor allem Empfindungen aus. Wir hielten nötige technische Verbesserungen fest und bemerkten, dass uns die Kinder weit voraus waren:
n im Erfinden von Kürzeln, von denen wir nicht wissen, was sie bedeuten,
n im Einsatz von Farben, bei denen wir nicht wissen, wie das geht,
n im Einbringen von Smileys, von denen wir nicht wissen, wie sie gemacht werden und
n im Austesten der Grenzen für Beschimpfungen und Verunglimpfungen, dem Testen der Filterliste für die "Bad Words" und den nicht enden wollenden Versuchen zum Austausch von Adressen in immer neuen Formen.
Nach zwei Stunden waren wir froh, es geschafft zu haben und wussten, dass wir noch viel lernen mussten. Wir erhielten ein 44-seitiges Protokoll (Excel-Tabellen) mit wenig auswertbaren Inhalten.
Für den Chat am 17. Dezember hatten wir uns die "Blinde Kuh" als "Teilnehmer" gewünscht. Etwas gefasster haben wir unserem zweiten Termin (gewünschte technische Veränderungen waren abgeschlossen) entgegengefiebert. Wieder waren alle zwölf ModeratorInnen für zwei Stunden vollauf beschäftigt. Schon nach wenigen Minuten haben wir uns entschlossen, mit zwei ModeratorInnen zu chatten. Anders war der Andrang nicht zu bewältigen. Trotzdem wechselten die Anzeigen auf den Monitoren manchmal schneller, als wir antworten bzw. Rügen erteilen konnten. Das Protokoll dieses Chats umfasst 603 Seiten. Wir waren nicht enttäuscht, dass die "Blinde-Kuh" an den nächsten Tests nicht mehr teilnehmen wollte.
Zwei weitere Probechats fanden im Januar diesen Jahres statt. In einem versuchten wir, zu einem Thema zu chatten. Dies ist außerordentlich schwierig und ging trotz Vorankündigung nicht lange gut. Zu inhomogen ist die Gruppe der Teilnehmenden und zu unterschiedlich sind ihre Verweilzeiten und Interessen am Thema.
Im März hatten wir Gelegenheit zu einem Erfahrungsaustausch mit den MacherInnen von "Seitenstark" in Berlin. Wir beschlossen, nach der Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft vernetzter Kinderseiten im Mai mit Chats nach der ersten Version (Jeder Beitrag wird vor der Veröffentlichung gegengelesen) zu proben.
Der Relaunch
Für den Chat nach dieser Variante musste die Software komplett umgestellt werden. In einem Test mit den Betreibern und RedakteurInnen der Arbeitsgemeinschaft vernetzter Kinderseiten wurden dann alle neuen Funktionen gründlich getestet und überprüft. Alles verlief zur vollsten Zufriedenheit. Neuerdings wird den TeilnehmerInnen eine große Auswahl von Smileys zur besseren Identifizierung im Chat angeboten und von den Kindern gern genutzt. Schon im ersten Probechat mit Kindern hatten die ModeratorInnen stets damit zu tun zu erklären, wie man denn zu den Smileys kommt. Wir hatten gelernt! Die ModeratorInnen arbeiten bei dieser Variante zu zweit und zwar in Absprache miteinander. An einem Rechner werden die Beiträge kontrolliert und freigegeben und am anderen werden Kommentare abgegeben, Fragen beantwortet, der Chat begleitet. Nach zwei Tests mit Kindern unter Ankündigung auf allen beteiligten Seiten und der Startseite von "Blinde Kuh", waren wir uns sicher, das System zu beherrschen und auch genügend Erfahrung zu besitzen, um dauerhaft Chats für Kinder moderieren zu können. Mit Beginn des Sommersemesters 2004 startete in Leipzig ein Seminar zur Moderation von Chats für Kinder. Wir konnten die Zahl der ModeratorInnen auf 27 erhöhen und können nun auch den eingangs gestellten Fragen nachgehen.
Der Start
Seit dem 16. Juni bieten wir an drei Wochentagen, Montag und Freitag von 16 bis 18 Uhr und Mittwoch von 15 bis 17 Uhr, moderierte Chats für die Mitglieder der "Arbeitsgemeinschaft vernetzter Kinderseiten – Seitenstark" an. Von Anfang an sind zwölf Kinderseiten beteiligt. Den Chat erreicht man über kidsville, sowieso, milkmoon, blinde-kuh, wasistwas, hanisauland, geolino, wolf-kinderclub, tk-logo, vuz-web, rossipotti, kidnetting und die Homepage von Seitenstark.
Noch wissen wir nicht genau, ob wir mit unserem Angebot die für Kinder günstigen Chat-Zeiten treffen. Ein Voting zu den präferierten Zeiten der Kinder wird in den nächsten Tagen online gestellt. Daran wollen wir uns dann auch in den Schulferien halten. Eine Chat-Schicht wird von 4 ModeratorInnen betreut, jeweils zwei für eine Stunde. Der Aufwand ist hoch, aber nötig. Die ModeratorInnen sind von den regelmäßig 10 bis 40 teilnehmenden ChatterInnen sehr gefragt und haben "alle Hände voll zu tun". Doch darüber sollte später an dieser Stelle zu berichten sein.
Anmerkungen
1 Der Text entstand unter Verwendung der Konzeption für das Projekt, die von Anke Hildebrandt erarbeitet wurde. Anke Hildebrandt ist Medienpädagogin und leitet gemeinsam mit Kristina Schrottka das Internetportal www.kidsville.de. Sie gehört zu den Gründerinnen der Arbeitsgemeinschaft "Seitenstark".
(merz 2004-04, S. 72-74)
Inhalt
aus dem Heft: 2004/04: Alte Menschen, neue Medien
in der Rubrik: medienreport
Hartmut Warkus: Kinder im sicheren Netz
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