Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit

Benjamin_Kunstwerk im Zeitalter2011

Benjamin, Walter [1936] (2011). Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Stuttgart: Reclam.

Autor: Prof. Dr. Wolfgang Zacharias

 

Es ist ein kompaktes Werk, gerade mal knapp 70 Seiten im gelben RECLAM-Heft, das Walter Benjamin auf der Flucht vor dem Nazi-Regime im Pariser Exil geschrieben hat. Künste, Ästhetisches, Wahrnehmung und die damals aktuelle­ Mediendynamik werden hier entsprechend der darin vorhandenen Verbundsinnova­tion und Expansionserwartungen verknüpft. So ist das Werk sowohl zugespitzt analytisch komplex wie prophetisch innovativ. Thema sind vor allem die kulturell-ästhetische Transforma­tion vom auratischen, ritualisierten, vor allem historischen Kunstwerk zum technisch (re-)produzierbaren Medienprodukt – damals etwa Druck, Foto, Film, Rundfunk. Die Veränderung betrifft ‚Origi­nal‘ und ‚Aura‘, ‚Einmaligkeit‘, ‚Einzigkeit‘ und den elitären Kultcharakter klassischer Künste hin zu kulturell-medialem ‚Schmutz und Schund‘. Benjamin befreit massen­haft reproduzierbare Medienprodukte von der Obsoleszenz des Minderwertigen – weil reproduzierbar und unabhängig von Zeit und Raum präsentabel.
Es ist eigentlich ein Plädoyer für ‚Kultur von, für, mit allen‘ – Jahrzehnte bevor diese Parole in den 1970er-Jahren prominent wurde. Eine zentrale Aussage: „Innerhalb großer geschichtlicher Zeiträume verändert sich mit der gesamten Daseinsweise der menschlichen Kollektiva auch die Art und Weise ihrer Sinneswahrnehmung“ (S. 16). Benjamin schlägt eine erweiterte Neubesetzung des Ästhetischen, Künstlerischen, Kulturellen im medialen Kontext vor und dies ist gerade medienbildend und medienpädagogisch relevant: Medien sind ein sparten- und fachübergreifendes lebensweltliches Phänomen – sie gehen alle überall an. Die expansive Digitalisierung beweist und realisiert Benjamins Vision.
Die „Masse ist eine Matrix: Die Quantität ist in Qualität umgeschlagen. Die sehr viel größeren Massen der Anteilnehmenden haben eine veränderte Art des Anteils hervorgebracht“ (S. 49). Diese Analyse am Beispiel Film – neu beispielsweise auf Internet bezogen – hat mich von der Genialität und Langzeitperspektive des Textes fasziniert und überzeugt.

 

Dr. Wolfgang Zacharias ist Vorstand des Vereins Pädagogische Aktion/SPIELkultur e. V. sowie Honorar­professor für Kultur- und Spielpädagogik an der Hochschule Merseburg. Seine Schwerpunkte sind unter anderem Kinder- und Jugendkultur sowie Kulturelle Bildung. Von 2004 bis 2006 war in der Redaktion von merz | medien + erziehung tätig.