Inhalt

aus dem Heft: 2002/01 Titelthema: Medienwirklichkeiten: der 11. September
in der Rubrik: kolumne

Florian Rötzer: Das terroristische Wettrüsten

Die Terroranschläge haben wieder einmal die schrecklichen Seiten einer Mediengesellschaft offenbart, die nicht vornehmlich Wissen oder Information verarbeitet, sondern deren Fundament die Erzeugung und Akkumulation von Aufmerksamkeit und, wie man als Reaktion beobachten kann, der Ausbau von Überwachung als der meist weniger beachteten Kehrseite der Aufmerksamkeit ist. Die Anschläge zeigen, dass die Terroristen ebenso wie die Medien gefangen sind in einer Überbietungsspirale, also immer grössere und beeidruckendere Spektakel realisieren müssen, um noch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erhalten. So liess sich in den 90er Jahren zwar beobachten, dass die Zahl der Anschläge welweit zurück gegangen ist, abrer die Zahl der Opfer kontinuierlich zunahm.
Ob und was auch immer den Attentätern vom 11.9. an Dramaturgie vorgeschwebt haben mag, so haben sie jedenfalls versucht, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, ein möglichst einprägsames Spektakel zu inszenieren, das offenbar keiner Legitimation mehr bedarf. Das Attentat als l'art pour l'art hat sich zwar schon lange angekündigt, seitdem nicht mehr gezielt bestimmte Menschen i mVisier standen, sonedrn Anschläge seit der Verfügbarkeit von Dynamit ungerichtet nur möglichst viele zufällige Opfer finden sollten, um eine Desabilisierung mit unbekanntem Ende auszulösen, aber es ist mit dem Anschlag auf da World Trade Center sicherlich (vorerst) kulminiert.
Im Unterschied zu früheren Zeiten gibt es heute dank der elektronischen Medien Fernsehen und Internet tatsächlich eine globale Öffentlichkeit. Um deren Aufmerksamkeit zu erreichen, was in erster Linie bedeutet, den Blick der kollektiven Aufmerksamkeitsorgane der Medien als der vorgeschalteten gesellschaftlichen Selektionssysteme auf sich zu lenken, muss in der konkurrenz all der ebenfalls auf die Erzielung von Aufmerksamkeit gerichteten Ereignisse und Spektakel, die weltweit auf allen lokalen, regionalen, staatlichen, kontinentalen und globalen Ebenen stattfinden, etws Herausragendes vorfallen oder inszeniert werden. Terroristen sind in diesem schrecklichen Sinn seit jeher eine Art Medien- und Aufmerksamkeitskünstler gewesen. Die Wirksamkeit der Anschläge beruht nicht allein auf der Grösse des Schadens und der Menge der Opfer, sonern auch auf der Ästhetik der Bilder, die durch sie entstehen. In einer visuell geprägten Gesellschaft sind es vornehmlich die Bilder, die sich verbreiten, die die Aufmerksamkeit anlocken und die sich in die Speicher und Gehirne einbrennen. Die endlose Wiederholung der Bilder nach den Anschlägen auf den Bildschirmen, vor denen dieMenschen wie gebannt saßen, hat die Faszination an dem erhabenen-schaurigen Schauspiel deutlich werden lassen. Nicht allein, weil der Zerstörung am flachen Pentagon weniger eindrucksvoll als die Zerstörung der Türme war, sondern vor allem, weil es keine Live-Bilder vom Aufprall gab, liess die Berichterstattung über das Pentagon mehr in den Hintergrund treten.
Die besondere Faszination oder das eingentümliche Grausen an den Bildern des Anschlags auf das World Trade Center war, dass sie nicht nur die hinterlassenen Spuren der Zerstörunng zeigten, sondern den Anschlag selbst - und das beim Crash des zweiten Flugzeugs in den Turm praktisch live. Der Beobachter ist nicht mehr distanziert, sondern er sieht dem Ablauf der Geschehnisse überrscht zu, ohne zwar in diesen eingreifen zu können, aber ald jemand, der dennoch weiss, dass er i ndiesem Fall noch einmal davon gekommen, ein Überlebender ist. Auch das hat wohl die Wucht der Bilder für das globale Bewusstsein ausgezeichnet, das weniger betroffen oder gelähmt gewesen wäre, wen es sich um eine langsam sich vollziehende Katastrophe gehandelt hätte oder wenn er nur, wie so oft, Bilder der bereits geschehenen Katastrophe zu shen gewesen wären. Ob die Attentäter die Inszenierung aus aufmerksamkeitsstrategischen Gründen auch wirklich so geplant hatten, muss dahin gestellt werden, doch die Zeit zwischen dem Einschlag des ersten Flugzeugs und dem des zweiten hat erst die Live-Bilder aus einer distanzierten Perspekitve von der sich für den Zuschauer schicksalhaft abspielenden Katastrophe ermöglicht, wobei in einer teuflischen Strategie die nacheinander einstürzenden Türme den gesamten Ablauf noch stärker dramatisiert hatten.
Ganz offensichtlich unter dem Bann der Bilder stehend, hat ein 15-Jähriger amerikanischer Schüler aus Tampa Anfang Januar versucht, die für ihn als Telebeobachter am Bildschirm virtuell bleibenden Bilder in die Realität umzusetzen, möglicherweise, um selbst im Augenblick des Untergangs zumindest kurz im Strahl einer möglichst großern Aufmerksamkeit zu stehen. Am 5.Januar flog Charles Bishop, offenbar ein exzellenter Schüler, aber ein Einzelgänger und verschlossener Jugendlicher, mit einer viersitzigen Cessna in den 28. Stock des 42-stöckigen Hochhauses der Bank of America, des Wahrzeichens von Tampa, Florida.
Ereignisse, die die kollektive Aufmerksamkeit auf sich lenken und daher medial wirksam sind, lösen einen Drang nach Nachahmung aus. Es sind vor-bildliche Ereignisse, die prominent werden und auch Täter oder Opfer prominent machen können. Aufmerksamkeit und Prominenz sind ni´cht erst in der Mediengesellschaft wertvolle Ressourcen, für den ERwerb vieles unternommen wird, aber Medien transportiernen die Informationen und Bilder zu einem immer grösseren, tendenziell globalen Publikum, so dass auch eher Menschen zur Nahcahmung durch diese Meme infiziert werden. Da Aufmerksamkeit ein begehrenswertes und wertvolles gesellschaftliches Gut zu sein scheint, schliesslich ist sie auch die Grundlage der Anerkennung und der zwischenmenschlichen Existenz, wirken Ereignisse, die in den Medien, den kollektiven Aufmerksamkeitsorganen, an primärer Stelle stehen, ansteckend. Sie fordern auf, die Prominenz nachzuahmen, um an deren Erfolg teilzuhaben, wodurch eine soziale Konformität hergestellt wird. Die Logik der Aufmerksamkeitsgewinnung ist hart. Wer über medienästhetisch beeindruckende Ereignisse wie Katastrophen oder Anschläge prominent werden will, weil er anderweitig vom Markt der kollektiven Aufmerksamkeit wie die meisten Menschen ausgeschlossen ist, muss mitunter selbst sein Leben aufs Spiel setzen, um das Spektakel zu inszenieren, oder zuminidest mit Strafe nach vollbrachter Tat rechnen, die ihn kurzzeitig ins Rampenlicht der Öffenlichkeit gebracht hat. Selbstmordanschläge bedürfen daher keineswegs, wie das in letzter Zeit so erscheinen mochte, einen religiösen Hintergrund. Möglicherweise sind die Selbstmordanschläge etwa der muslimischen Attentäter auch eher aus den aufmerksamkeitsökonomischen Grundlagen heraus zu verstehen, während die vorgeschobenen politischen und religiösen Motive sekundär sind.
Fast schon erstaunlich ist daher, dass die Anschläge auf das WTC erst so spät zu einer Nachahmung geführt haben. Auch wenn die Selbstmordtat im Gegensatz zu den Anschlägen auf das WTC in aller Hinsicht "lokale" Züge hatte, schaffte es Bishop unter Einsatz seines lebens die gesuchte Aufmerksamkeit zu finden und sich so buchstäblich aus seinem Leben als unbekannter und scheuer Einzelgänger heraus zu kapitulieren. Mit dem kleinen Flugzeug blieb der Schaden in dem am Wochenende nahezu leeren Hochhausgebäude allerdings gering. Außer Bishop gab es keine weiteren Opfer.
Gefunden wurde bei Bishop eine Art Abschiedsbrief, in dem er seine Bewunderung für Usama bin Laden und die Anschläge vom 11.9. zum Ausdruck brachte. Einen irgendwie gearteten terroristischen Hintergrund gibt es nicht, abgesehen davon. DIe Nachahmung offenbart vielmehr die verführerische Kraft der Ästhetik des Terrors, der der Jugendliche erlegen ist. Der Abschiedsbrief lässt darauf schliessen, dass der Jugendliche den Selbstmordanschlag geplant und nur auf eine Möglichkeit gewartet hatte, ihn in der Nachfolge der Terroristen vom 11.9. auszuführen. Ob er das Hochhaus schon von Anfang an als Ziel im Auge hatte, ist nicht bekannt. Vor dem Sturz in das Hochhaus hatte Bishop die MacDill Air Force Base überflogen, das Hauptquartier des United States Central Command, von dem aus die militärischen Aktionen in Afghanistan aus der Ferne an Bildschirmen geleitet werden.

Heft bei Kopaed bestellen

    Autor/innen: Florian Rötzer
    seitenanfang | druckansicht