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Antje Müller: Online Hate Speech – Gift im Netz

    Zur Person

    Kasper, Kai/Gräßer, Lars/Riffi, Aycha (Hrsg.) (2017). ­Online Hate Speech. Perspektiven auf eine neue Form des Hasses. München: kopaed. 200 S., 18,80 €.

    Eine niedrigere Hemmschwelle zur Herabsetzung von Mitmenschen zeigt sich nicht nur in der realen Lebenswelt. Auch im Netz machen Diffamierung und Diffusion der Sprache, gestützt und genährt von Anonymität und Passivität der Userinnen und User, zunehmend von sich Reden – eine explosive Mischung, die Hasskommentare zutage befördert hat und zunehmend organisierte Trolle, Flaming und Cybermobbing auf den Plan ruft. Es handelt sich dabei um ein Alltagsphänomen, das nicht neu ist und sowohl im analogen wie auch im digitalen Raum, je nach Kultur, unterschiedliche Ausprägungen annimmt. Dennoch ist eine neue virale Qualität des Hasses und der Ressentiments zu verzeichnen, die zugleich mit einem verstärkten Maß einer scheinbar etablierten ‚Umgangsform‘ – der Verdrängung – einhergeht. Wenn jedoch das Netz als öffentlicher Raum angesehen werden soll, dann sollte es vor Hetzerinnen und Hetzern, vor Terror-Propagandistinnen und -Propagandisten und vor Trollen verteidigt sowie die Würde der Andersdenkenden gesichert werden, so das Heraus­geberteam der Publikation Online Hate Speech.

    Der vierte Band der Schriftenreihe zur Digitalen Gesellschaft NRW betrachtet aus diesem Grund in einem interdisziplinären Ansatz Hassreden im Netz aus unterschiedlichsten Perspektiven. Mit einem multiperspektivisch differenzierten Blick und durch die Bündelung unterschiedlicher fachlicher Zugänge soll ein tieferes Verständnis für das Phänomen gefördert werden, um Hate Speech den Nährboden für die Verbreitung von Fehlinformationen und extremistischen Botschaften zu entziehen und eine Polarisierung oder gar Spaltung unserer Gesellschaft zu verhindern. Online Hate Speech nähert sich dem Gegenstand zunächst aus der zeitgeschichtlichen sowie politischen und juristischen Perspektive, wonach im Anschluss mit vorwiegend psychologischem und journalistischem Blick auf die Akteurinnen und Akteure des Hate Speech geschaut wird. Analysiert werden Verbreitungsmotivationen, Motive und Gründe für Hassattacken der Täterinnen und Täter, aber auch Strategien zur Verarbeitung durch die Opfer. Unter den Täterinnen und Tätern finden sich darüber hinaus nicht nur Einzelpersonen, die aus angestautem Ärger oder Machtgefühlen heraus agieren, sondern auch organisierte Auftragstrolle und Social Bots, welche automatisiert auf Basis von Empfehlungsalgorithmen für die Verbreitung von Cyberhate sorgen.

    Im fließenden Übergang beschäftigt sich das folgende Kapitel mit den Bereichen des Auftretens von Hate Speech und schließt dabei auch eine wirtschaftliche Perspektive mit Folgen von Negativ­kommunikation in Unternehmen ein. Aus Sicht der Community-Nutzerinnen und -Nutzer wird sich außerdem mit Attacken im Computerspiel-Bereich auseinandergesetzt. Hier treten auch Flamerinnen und Flamer auf die Bildfläche und es gilt, sich mit einem hohen Maß an sexistischem Sprachgebrauch auseinanderzusetzen.Um mögliche Umgangsformen und Gegenstrategien für die Lesenden zu bieten, stellt Online Hate Speech im letzten Kapitel Praxisprojekte wie BRICkS und #denk_net vor, die Anregungen zur Konzeption und Durchführung von Workshops mit Jugendlichen geben und sich auch mit der irrational emotionalen Ebene von Hassreden befassen. Arbeitsergebnisse der Initiative Netzkodex zur Erarbeitung eines Kodexes sowie eine Sammlung an Kampagnen und Aktivitäten gegen Online Hate Speech runden schließlich den praxisorientierten Abschnitt gelungen ab.

    Im Vergleich zu den bisherigen Veröffentlichungen der Schriftenreihe zur digitalen Gesellschaft NRW fügt sich das Thema nahtlos in die aktuellen Diskurse und Herausforderungen der Medienbildung ein. Während Social Web und Senio­ren (2013) ­Rezipierende über 60 fokussiert, Einfach fern­sehen? (2013) Medienmacherinnen und -macher sowie Fernsehnutzende ­anspricht und Big Data und Medienbildung (2015) medien­pädagogische Fachkräfte hinsichtlich der Vermittlung einer informatischen Perspektive bedient, richtet sich der aktuelle Band mit seinem Schwerpunkt der destruktiven Medieninhalte innerhalb der digi­talen Interaktion an die Allgemeinheit. Diese profitiert von einem schlüssigen Aufbau, der sowohl ­Theorie- als auch Praxisanteile liefert, um sich dem Phänomen anzunehmen. Die wirklich gelungen umgesetzte Interdisziplinarität mit Pers­pektiven aus Politik, Wirtschaft, Recht, (Sozial-)Psychologie, Journalismus, Soziologie, Wissenschaft und Forschung sowie Medien­bildung erfüllt dabei Vorbildcharakter.

    Etwas geschmälert wird dieser Eindruck durch den im Theorieteil stark vertretenen und zum Teil sehr trocken anmutenden Fachjargon, der zuweilen gespickt ist mit für die allgemeine Leser­schaft schwer zugänglichen ­Fachtermini oder schwergängigen ­Formulierungen, wie sie sich beispielsweise im juris­tischen Beitrag wiederfinden. Mithilfe eingestreuter Interviews und der Darlegung von Fallbeispielen ab dem zweiten Kapitel wird die inhaltliche Aufbereitung aber zunehmend aufgelockert und zeigt eine höhere lebensweltliche Nähe, durch die das Phänomen auch außerhalb der dominanten journalistischen und psycholo­gischen ­Perspektive greifbarer wird. Insbesondere hilfreich für (medien-)pädagogische Praktikerinnen und Praktiker, Sozialarbeiterinnen und -arbeiter, aber auch für Eltern und Studierende wäre eine stärkere Variation an Inhaltsformen, die mit grafischen oder tabellarischen Aufbereitungen noch bereichert werden könnten. Die Verzahnung zwischen Theorie- und Praxisanteilen sowie die hohe Interdisziplinarität garantieren jedoch die Ansprache eines breiten Zielpublikums, dass das vielschichtige und bisher nur schwer handhabbare Phänomen des Online Hate Speech klarer umreißt und zugleich ­wichtige, innovative und wirklich lesenswerte Anstöße für die medienpäda­gogische Praxisarbeit liefert.

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    JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

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