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Georg Materna: Desinformation, Schimpf und Schande im globalen Dorf

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  • 2019

Zur Person

Pörksen, Bernhard (2018). Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung. München: Carl Hanser Verlag, 256 S., 22 €.

Zu den heiß diskutierten Entwicklungen der letzten Jahre zählt, welchen Einfluss die verstärkte Nutzung Sozialer Medien durch beinahe alle Bevölkerungsgruppen auf Politik und Gesellschaft hat. Was machen Fake News mit der öffentlichen Meinung? Wie kann der stetigen Verbreitung von Hass und (zum Teil unzensierten) Skandalen in sozialen Medien begegnet werden? Bernhard Pörksen hat sich diesen Fragen in einem geistreichen Essay angenommen. Sein Ausgangspunkt: Unsere von Medien durchdrungene Gesellschaft lebt in einem Zustand ständiger Gereiztheit. Das mediale Nervensystem der globalisierten Welt hat diese nicht zu einem romantischen globalen Dorf werden lassen, sondern zu einem Ort, an dem Desinformation, Schimpf und Schande in die kleinsten Winkel alltäglicher Lebenswelten vorzudringen vermögen. Pörksens Buch führt durch fünf verschiedene Krisen-Kapitel, bevor er es mit einem Utopie-Kapitel ausklingen lässt. Die erste Krise betrifft die alte Frage, wie Menschen die Wahrheit erkennen können. Medienvermittelte Information hat sich hierfür als ein wichtiges Werkzeug erwiesen. Aktuelle Entwicklungen wie Filterblasen und Fake News führen die mediale Wahrheitssuche jedoch in eine Krise. Pörksen gibt hierfür ein Beispiel aus dem amerikanischen Wahlkampf 2016, bei dem die auf Facebook in Bezug auf Shares, Likes und Kommentare 20 erfolgreichsten Falschnachrichten mit den 20 erfolgreichsten Artikeln etablierter Medien verglichen wurden. Falschnachrichten generierten in drei Monaten vor der US-Präsidenten-Wahl 8,7 Millionen Reaktionen, während die nach journalistischen Qualitätsmaßstäben gefertigten „nur“ auf 7,3 Millionen kamen. Falschnachrichten „kombinieren den Wow- Effekt der Überraschung mit dem Sedativum der Bestätigung […]. Was emotionalisiert, so lautet die Grundregel in sozialen Netzwerken, funktioniert“ (S. 34 f.). Pörksen nennt das „Informationswäsche“. Informationen werden aus dem Kontext gerissen, umgedeutet, Quellen gehen im Prozess des Kopierens, Teilens, Verlinkens verloren.

Das führt in eine zweite Krise: die sich verstärkende Schwierigkeit eines politischen, auf rationalen Argumenten basierenden Diskurses. Die Demokratie transformiert sich in eine Empörungsdemokratie. Diese Entwicklung wird von einer sich wandelnden Medienöffentlichkeit unterstützt, in der die Gatekeeper der klassischen Massenmedien an Einfluss verlieren und Online-Medien ihr Versprechen von Partizipation in einer Art einlösen, durch die problematische gesellschaftliche Tendenzen verstärkt werden. Der Einzelne „ist zum Regisseur seiner Welterfahrung geworden, [er] vermag sich aus den unterschiedlichsten Erfahrungen eine private Wirklichkeit zu konstruieren, die ihm plötzlich als allgemeingültige Realität erscheint“ (S. 78). Einher gehen diese privaten Wirklichkeiten oftmals mit pauschalem Systemmisstrauen. Politischen Einfluss gewinnen die Regisseurinnen und Regisseure privater Welterfahrung nicht mehr als Kollektive, sondern als Konnektive, die als themen- und anlassspezifische „Individualmasse“ (S. 89) in Erscheinung treten.

Nach den Ausführungen der ersten beiden Kapitel, in denen der komplexe Stand der Forschung auf bewundernswerte Weise zusammengefasst wird, verliert Pörksens Argumentation im dritten Kapitel kurzzeitig an Fahrt. Die dritte aufgeführte Krise sieht er im Autoritätsverlust von Amtsträgern und Institutionen. Diese durchaus nachvollziehbare Diagnose verbindet er jedoch stark mit Max Webers Vorstellung von Amtscharisma. Charismatikerinnen und Charismatiker leben von der Inszenierung und von symbolischen Gesten; die Skandalisierung privater Fehltritte und Fotos aus ihrem uninszenierten Leben – die „Schmerzen der Sichtbarkeit“ (S. 92) – untergraben jedoch letztendlich ihre Autorität, so Pörksens These. Das ist einerseits richtig, anderseits wäre es ebenso spannend gewesen zu fragen, ob der Verlust von Charisma als Autoritätslegitimation nicht als Zeichen gesellschaftlichen Wandels zu mehr Augenhöhe gelesen werden und wie mithilfe medialer Öffentlichkeit zukünftig Autorität legimitiert werden könnte.

Im nächsten Kapitel geht Pörksen auf die Behaglichkeitskrise ein und nimmt wieder die gewohnte Flughöhe auf. So beschreibt er eine junge Herausforderung journalistischen Arbeitens, die er als „digitalen Schmetterlingseffekt“ (S. 128) bezeichnet. Pörksen gibt das Beispiel eines amerikanischen Pastors aus Florida mit kleiner Gemeinde und wenigen Followern in sozialen Medien, welcher 2010 zum Jahrestag der Anschläge auf die Twin Towers zur Verbrennung des Korans aufrief. Sein Ansinnen stieß auf wenig Resonanz, bis ihn CNN zum Thema befragte. Danach gibt der Pastor 150 weitere Interviews, in Jakarta und Kabul kommt es zu Protesten gegen ihn. Je näher der Jahrestag rückt, desto besorgter werden Politikerinnen und Politiker weltweit. Der US-Oberbefehlshaber, Angela Merkel, Hillary Clinton, der Vatikan und andere kritisieren ihn. Als der Pastor seinen Aufruf zurücknimmt, erklärt eine andere Gruppe, die Koranverbrennungen durchzuführen, was wenige Tage später zu Protesten in Indien führt, bei denen 16 Menschen zu Tode kommen. Minimaler Anstoß, maximaler Effekt.

Im vorletzten Kapitel zur Reputationskrise führt Pörksen aus, wie die beschriebenen Veränderungen auf der Subjektebene zu verheerenden Konsequenzen führen können. Denn in sozialen Medien werden nicht nur Politiker und Prominente Opfer von Skandalen, sondern auch der gemeine Bürger wird an den digitalen Pranger gestellt. Das führt zu neuen Herausforderungen, denn während einige der Skandale durchaus wichtige Reinigungsfunktionen für das soziale Zusammenleben besitzen, vernichten andere das soziale Leben von Betroffenen aufgrund kleinster Verfehlungen. Hierauf zu reagieren ist für die Betroffenen nicht einfach. Kontrollversuch und Kontrollverlust liegen nah beieinander, wenn ersterer in Form von medialen Gegendarstellungen erneute Aufmerksamkeit erregt und direkt in letzterem mündet.

Neue, bessere Umgangsformen mit und in den sich wandelnden Öffentlichkeiten zu vermitteln, ist daher Pörksens Utopie. Im letzten Kapitel formuliert er die Idee einer redaktionellen Gesellschaft, in der die „Prinzipien eines ideal gedachten Journalismus zum Bestandteil der Allgemeinbildung und zum selbstverständlichen Ethos“ werden (S. 189). Pörksen argumentiert für eine durch Diskursorientierung, ethisch-moralische Abwägung und Kritik geprägte Medienbildung, die als eigenes Schulfach eingeführt werden sollte. Er tritt ein für dialogischen Journalismus und Transparenzpflichten von Plattform-Monopolisten. Leider bezieht er hierbei medienpädagogische Erkenntnisse und Initiativen nicht mit ein. Das wird viele medienpädagogische Fachkräfte fragend zurück lassen. Dennoch sei ihnen Pörksens Buch als Lesespaß und kompakte Zeitdiagnose wärmstens empfohlen. Es bietet spannende Einblicke, treffende Formulierungen und ist so ausgiebig mit Quellen versehen, dass es als Fundgrube zur Recherche dienen kann.

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