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Günther Anfang: Alles Playback?

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    Neulich bei der ars electronica und der in diesem Rahmen präsentierten Linzer Klangwolke war es wieder einmal so weit. Eine gigantische Inszenierung zum Thema „Bruckner lebt!“ am Donauufer in Linz mit vier Riesenleinwänden, einer Livebühne und jeder Menge pyro- und lasertechnischer Effekte wurde aufgefahren, um das Werk von Anton Bruckner zeitgemäß einem Massenpublikum zu präsentieren. Aber: Alles war playback! Der Schauspieler, der Anton Bruckner darstellte, der Chor, der die Musik von Anton Bruckner zum Besten gab, die Akteure und die Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne, die Szenen aus Bruckners Leben nachspielten. Nun klar, wir alle wissen, dass Bruckner nicht mehr lebt, aber muss dann alles, was über ihn erzählt und musikalisch dargeboten wird, aus der Konserve kommen? Im Fernsehen sind wir ja schon lange daran gewöhnt, dass niemand mehr live singt oder spielt. Das würde wahrscheinlich auch zu schrecklich klingen. Aber wenn auch Sprechakteure wie bei „Bruckner lebt!“ nun playback auftreten, dann stellt sich die Frage, ob hier nicht etwas Schule macht, das noch ganz andere Auswirkungen nach sich ziehen könnte. Stellen wir uns vor, die Nachrichten werden in Zukunft playback gesprochen oder in den diversen Talksendungen wird alles vom Band eingespielt. Dann kann zwar nichts mehr schiefgehen, weil alles vorab exakt geplant ist, aber wollen wir das dann noch sehen?

    Nun gut, bei Politikerinnen und Politkern hat man ja sowieso das Gefühl, dass sie playback sprechen, so einstudiert und auswendig gelernt klingt da alles. Am Beispiel der Klangwolke kann aber auch gezeigt werden, dass sich niemand mehr zutraut, etwas live zu inszenieren. Alle Teile der Inszenierung werden auf Knopfdruck gestartet und exakt vom Computerprogramm gesteuert. Die Maschinerie des Liveevents wird sekundengenau abgefahren und in Szene gesetzt. Da können auch das Feuerwerk und die Lasershow genau auf den Punkt gestartet werden und niemand muss mehr manuell auf ein bestimmtes Stichwort warten. Einziges Problem bei dieser Zeitsteuerung ist wieder einmal der Mensch. Denn die Playbacktexte müssen ja auch von den Akteurinnen und Akteuren gesprochen bzw. gesungen werden. Wenn da der Mund zu früh aufgemacht wird, denkt man zunächst noch an einen Audio Delay, aber wenn es das eine Mal zu früh und das andere Mal zu spät passiert, ist der Schwindel schnell durchschaut. Sobald sich aber das Gefühl einschleicht, dass wir um die Wirklichkeit gebracht werden, trauen wir der ganzen Sache nicht mehr.

    Und schließlich stellen wir uns die Frage, wie wirklich ist eigentlich die Wirklichkeit? Und wer dann noch weiter ins Fragen kommt, landet schnell bei populärwissenschaftlichen Büchern, die anscheinend Aufschluss darüber geben, „Wer bin ich? Und wenn ja wie viele?“ Spätestens hier kommen wir dann zu dem Schluss, dass wir eigentlich auf Konzerte, die so tun, als ob sie Bruckner wieder zum Leben erwecken, gerne verzichten können. Ebenso wie auf alle Schlager- und Popsternchen, die so munter playback trällern, aber eigentlich nichts zu sagen haben.

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