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Heinz Hengst: Forschung heute

    Zur Person

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    Interdisziplinärer Diskurs

    Medien vor 60 Jahren – Medien heute. Da ist vieles gleich geblieben und doch irgendwie alles ganz anders. Wir sind vernetzt, online und mobil, Medien sind immer und überall – und aus keinem Lebensbereich und keiner (humanwissenschaftlichen) Disziplin wegzudenken. merz, seit 60 Jahren Forum der Medienpädagogik, nimmt ihren Geburtstag zum Anlass, um dies im interdisziplinären Horizont zu erörtern. Wir fragten Kolleginnen und Kollegen verschiedenster Disziplinen: Was macht den Mehrwert medienpädagogischer Forschung und Praxis in der zunehmend mediatisierten Gesellschaft aus?

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    Wenn Medien – wie das heute der Fall ist – nahezu überall sind, dann können sie nicht überall eine Hauptrolle spielen. Andererseits führt die Omnipräsenz dazu, dass dort Medieneinflüsse registriert werden, wo das primäre Interesse ganz anderen Phänomenen gilt. Die Konsequenzen sind unter anderem an Veränderungen der wissenschaftlichen Arbeitsteilung ablesbar. Und sie betreffen die Praxisrelevanz und Zuständigkeit von Forschungsansätzen und -ergebnissen.Schaut man in die sozial- und kulturwissenschaftlichen Arbeiten der letzten Jahrzehnte, dann stößt man auf widersprüchliche Interpretationen gegenwärtigen kulturellen Wandels. Zum einen wird die zunehmende Bedeutung des Medial-Virtuellen betont. Zum anderen gibt es viele Hinweise auf die wachsende Bedeutung des Materiellen. Wenn beide Diagnosen – die einer zunehmenden Bedeutung des Materiellen und die der Entmaterialisierung – zutreffend sind, dann ist eine Neuorientierung des Nachdenkens über gegenwartstypische kulturelle Praktiken und Erfahrungen angebracht. In diesem Statement gilt die Aufmerksamkeit emergenten Phänomenen. Es ist nicht als Absage an Ansätze und Praktiken zu verstehen, die stärker auf die digitale und analoge Medienwelt fixiert sind, sondern als diskutables Komplement.Sinnvoll erscheint mir eine Perspektive im Sinne einer erweiterten Konvergenzthese.

    Diese betont, dass in gegenwartstypischen kulturellen Praktiken nicht nur Beschäftigungen mit alten und neuen Medien, sondern darüber hinaus auch (ganz unterschiedliche) mediale und nicht-mediale Aktivitäten kollidieren, koexistieren und konvergieren. Ansatzpunkte für die Konkretisierung einer solchen Perspektive findet man nicht zuletzt in neueren soziologischen Arbeiten zu Veränderungen in den zeitgenössischen Objektwelten. Konstatiert wird dort unter anderem eine Artefaktexplosion. Man spricht darüber hinaus nicht mehr nur von Intersubjektivität, sondern auch von Interobjektivität. Es ist die Rede von postsozialen Beziehungen, also davon, dass die zeitgenössischen Konsumformen zwischenmenschliche Qualitäten in die Welt der Dinge tragen. Diese Sicht wird – etwa von Karin Knorr Cetina – mit einer neuen Lesart von Sozialisationsprozessen verknüpft. Außerdem werden Zweifel an der binären Opposition von Produktion und Rezeption angemeldet. Produkte, so die These von Scott Lash und Celia Lury, zirkulieren nicht mehr als identische, bereits fertige Objekte. Sie vermehren und verändern sich vielmehr im Gebrauch, durch Zufälle ebenso wie durch Planung, auf globaler Ebene wie in Alltagskontexten, zirkulieren in Serien, Netzwerken und Verbundsystemen. Materielle Dinge werden mediatisiert (mediation of things) und Medienangebote verdinglicht (thingification of media).

    Auf der Subjektseite werden ständige Wechsel zwischen unterschiedlichen Produzenten- und Rezipientenpraktiken zur Normalität.Als Konzept, mit dem sich diese Zusammenhänge analysieren lassen, bieten sich Theorien kultureller Praktiken an. Sie sollten allerdings so konzipiert sein, dass Untersuchungen im Mikrobereich mit signifikanten Entwicklungen auf der Makroebene in Verbindung stehen. Praxeologische Ansätze zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie (Alltags-)Praktiken zu Schlüsseleinheiten der Analysen erklären. Sie sind offen für Flüchtiges und Konstantes, für neue Konfigurationen von Interessen, Aktivitäten, Akteurinnen und Akteuren, Materialien, Medien und Kontexten. Theorien sozialer Praktiken werden zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht nur in den Sozial- und Kulturwissenschaften – national und international – intensiv diskutiert. Auch in der englischsprachigen Kinder- und Jugendmedienforschung ist inzwischen von kulturellen Praktiken als Analyseeinheiten die Rede. Es handelt sich dabei um Projekte mit praktisch-pädagogischer Zielrichtung.

    Dr. Heinz Hengst ist Professor für Sozial- und Kulturwissenschaften im Ruhestand. Seine Schwerpunkte sind zeitgenössische Kindheit sowie Kinderkultur und Generationenverhältnis unter besonderer Berücksichtigung der Medien, des Konsums und des internationalen Vergleichs.

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    JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

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