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Ingrid Paus-Hasebrink: Klassiker der Sozialisationsforschung

    Zur Person

    Hurrelmann, Klaus/Bauer, Ullrich/Grundmann, Matthias/ Walper, Sabine (Hrsg.) (2015). Handbuch Sozialisationsforschung., 8., vollst. überarb. Aufl., Weinheim: Beltz. 944 S., 78,00 €.

    „Nein, gewiß nicht; jedenfalls wollen wir darüber nicht streiten; es ist ein (zu) weites Feld. Und dann sind auch die Menschen so verschieden.“ Zu diesem Schluss kommt in Theodor Fontanes großem Roman Effi Briest Effis Vater, der alte Briest, wenn es gilt, eine unüberschaubare oder widersprüchliche Lage zu beurteilen oder ein komplexes, brisantes Thema zum Abschluss zu bringen.

    Klaus Hurrelmann, Ullrich Bauer, Matthias Grundmann und Sabine Walper werden dem alten Briest vermutlich zustimmen: Auch die Sozialisationsforschung ist ein weites Feld. Das Autorenteam aber, welches das Handbuch Sozialisationsforschung nunmehr in seiner achten Auflage herausgebracht hat, ist nicht davor zurückgeschreckt, sich dem breiten interdisziplinären Feld zu stellen und es erneut zu beackern. Das Handbuch Sozialisationsforschung, erstmals 1980 erschienen (damals von Hurrelmann und Ulich herausgegeben), hat seither allen an Sozialisationsforschung interessierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, gleich welcher disziplinären Herkunft, mit zahlreichen erfolgreichen Auflagen mit Aktualisierungen, mit seiner Neuausgabe 1991 und seiner Neuausrichtung 2008 (nunmehr herausgegeben von Hurrelmann, Grundmann und Walper) als kundiger und damit unverzichtbarer Begleiter gedient. Es hat in diesen Jahren das weite Feld der Sozialisationsforschung nicht nur vermessen und mit kritischem, aber unvoreingenommenem Blick für seine vielfältigen interdisziplinären Bezüge die Grenzen des Feldes stets weiter herausgeschoben. Vielmehr hat es das Feld Sozialisationsforschung eigentlich erst als zusammenhängendes Forschungsfeld konturiert und damit wahrnehmbar gemacht, so dass sich etwa zehn Jahre nach dem erstmaligen Erscheinendes Handbuchs eine Konsolidierung des Forschungsfeldes abzuzeichnen begann.

    Stets kennzeichnet das Handbuch das Bemühen, die Verwobenheit von Individuum und Gesellschaft zu begreifen. Der Forschungsgegenstand wird aus zwei dominanten Perspektiven – dem Blick auf die Handlungssubjekte und dem Blick auf die sozialen Beziehungen des Individuums – bearbeitet und zunehmend auch ihre Verflochtenheit reflektiert. Das Handbuch Sozialisationsforschung zeichnet nicht nur die Geschichte der Sozialisationsforschung nach, es hat sie vielmehr selbst (mit-) geschrieben. Die Erwartungen an die nun vorliegende Neuausgabe (2015) sind deshalb nicht klein. Das Herausgeberteam des Handbuchs – Klaus Hurrelmann, Matthias Grundmann und Sabine Walper – wurde nunmehr durch Ullrich Bauer, Professor für Sozialisationsforschung in Bielefeld, verstärkt, der mehr noch als bisher den Blick für die hohe Relevanz von Ungleichheit und sozialen Milieus in Sozialisationsprozessen öffnet. Vorweg: Das Handbuch wird den Erwartungen gerecht; es zeigt erneut – und mehr denn je – eindrucksvoll, dass die Sozialisationsforschung ein interdisziplinäres Forschungsfeld ist. Aus der Sicht einer Kommunikationswissenschaftlerin ist der Beitrag von Andreas Lange, der Sozialisation in der mediatisierten Gesellschaft behandelt, besonders erfreulich. Ihm liegt die Überzeugung zu Grunde, dass „die Behandlung des Themas Sozialisation durch Medien von einer Integration medienwissenschaftlicher und sozialisationstheoretischer Konzepte und Befunde profitiert“ (S. 537). Dem ist uneingeschränkt zuzustimmen: Sozialisationsforschung gerät ohne die Rolle von Medien und den Blick auf den Sinn, den Individuen ihnen vor dem Hintergrund ihrer sozio-strukturellen lebensweltlichen Bedingungen im Rahmen ihrer Entwicklungs- und Lebensaufgaben zumessen, in eine Engführung.

    Das Handbuch Sozialisationsforschung ist als der Klassiker weiterhin lebendig. Ihm gelingt es in 47 durchweg überzeugenden Beiträgen von namhaf¬ten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die gesamte Spannbreite der Forschung zur Sozialisation auszumessen und die vielfältigen Facetten der Sozialisation in sechs umfangreichen Kapiteln aufzuspannen: Ausführlich bearbeitet werden die interdisziplinären Grundlagen der Sozialisation (1.), von den beiden tragenden Disziplinen, der Soziologie und der Entwicklungspsycholo¬gie, der Erziehungswissenschaft und Philosophie und – modernen Entwicklungen in der Forschung geschuldet – nun auch der Neurowissenschaften. Es folgt die Reflexion relevanter Modelle und Theorien der Sozialisation (2.), die vom Modell des produktiv realitätsverarbeitenden Subjekts (Hurrelmann/Bauer) und der klaren Verortung der Sozialisation innerhalb unterschiedlicher sozialisatorischer Kontexte als Beziehungspraxis (Grundmann) eingeleitet werden. In vier Beiträgen werden für die Sozialisationsforschung relevante methodische Zugänge vorgestellt (3.), darunter auch methodische Zugänge der Genetik, die für die neuereSozialisationsforschung wieder an Bedeutung gewonnen hat und die etwa am Beispiel von Kindesmisshandlung eindrucksvoll Interaktionen zwischen Genetik und Umwelt aufzeigt. Erfreulich gewesen wäre trotz des guten Überblickartikels von Boenke und Hadjar zu Forschungsdesigns und statistischen Verfahren und der darin enthalten kurzen Erläuterung triangulativen Forschens noch ein eigenes Kapitel zu paradigmenüberspannenden Mehr-Methodendesigns.

    Den zentralen Kontexten der Sozialisation (4.) wird mit zwölf Beiträgen zu Recht breiter Raum zugemessen. Von der Familie über die Gleichaltrigengruppe, formelle wie informelle Bildungskontexte – um nur einige in diesem Oberkapitel behandelte Themen zu nennen – bis hin zur zentralen Frage nach den sozialen Milieus, die mit ihren jeweiligen Begrenzungen und Ermöglichungen den Rahmen der lebenslangen Sozialisation setzen, und der Frage, was Sozialisation in der Einwanderungsgesellschaft bedeutet. Das mittlerweile breit ausdifferenzierte Konzept der sozialräumlichen Sozialisation wird ausführlich beleuchtet. Erfreulicherweise wird auch die für die deutsche Medienpädagogik relevante, von Dieter Baacke auf Bronfenbrenners Zonen- Modell beruhende, sozial-ökologische Perspektive auf konkrete Handlungs- und Erfahrungsräume junger Menschen gewürdigt. Nach den Dimensionen der Sozialisation (5.) (etwa dem Geschlecht) folgen Beiträge – auch dies anerkennenswert – zur Sozialisation im Lebenslauf (6.). Darin wird der Tatsache Rechnung gezollt, dass Sozialisation mitnichten allein in Kindheit und Jugend stattfindet, sondern dass Sozialisation als ein lebenslanger Prozess zu verstehen ist, der sich in verschiedenen sozialen Zusammenhängen, an denen das Individuum beteiligt ist, vollzieht.

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