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Jana Schröpfer: Wie angebracht sind digitale Ängste?

    Zur Person

    Milzner, Georg (2016). Digitale Hysterie. Warum Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen. Weinheim: Beltz. 256 S., 18,95 €.

    Es ist Wahnsinn, was mit Kindern heute geschieht. Wahnsinn? – Ja, und zwar hinsichtlich beider Konnotationen des Wortes, hält Diplompsychologe und Psychotherapeut Georg Milzner fest. Wahnsinn kann für etwas stehen, das man schrecklich oder krankhaft findet, oder aber für etwas, das positiv beeindruckt. „Und tatsächlich ist das, was Kinder im Zeitalter der Digitalität erleben, auch beides, toll und möglicherweise gefährlich.“ Zu Beginn schildert Milzner in einem Problemaufriss den bekannten Wahnsinn, den ein Großteil der Gesellschaft mit übermäßigem Computerkonsum verbindet. Es geht um Störungsbilder, um nervöse, verhaltensauffällige oder zurückgezogene Kinder. Dieses Szenario stellt er anschließend dem gegenüber, wenn danach gefragt wird , ob es nicht „irre“ sei, wie souverän Kinder ein Smartphone bedienen können, wie schnell sie technische Probleme lösen und neue zukunftsrelevante Kompetenzen herausbilden. Bereits die Einleitung spricht somit digitale Skeptikerinnen und Skeptiker wie auch euphorische Personen an. Wer aufgrund des Buchtitels also eine reine Lobeshymne an digitale Medien erwartet, liegt falsch. Milzner plädiert für einen konstruktiven Umgang mit der Thematik, die aktuelle Debatte würde falsch geführt und sei zudem höchst widersprüchlich. Seine zentrale These, dass „Computerkinder“ nicht degenerieren, sondern sich für eine bereits absehbare Zukunft mit neuen Anspruchshaltungen wappnen, verfolgt er auf differenzierte Weise. Eingangs kritisiert er mitunter nicht sachlich geführte Diskussionen über den „Bildschirm“. Die diversen Beschäftigungen vor und mit Bildschirm-Medien werden von den meisten Menschen als Einheitsbrei betrachtet. Auch wissenschaftliche Studien trennen häufig nicht zwischen dem Konsum von Fernsehen und dem aktiven Spiel an der Computerkonsole – was laut Milzner deutlich unterschiedliche Beschäftigungen sind.

    Hinsichtlich Ungenauigkeit und Verallgemeinerungen bemängelt er auch populäre empirische Studien, deren Urteile häufig negativ und einseitig sind, obgleich die statistischen Ergebnisse solche Urteile meist gar nicht zulassen. Hinzu kommt die Unsauberkeit von Vorgehensweisen, wenn zum Beispiel Extremfälle einer Stichprobe zu simplen Durchschnittswerten zusammengefasst oder 19-jährige junge Erwachsene mit zwölfjährigen Vorpubertären in einen „Studientopf“ geworfen werden. Besonders einleuchtend sind seine Ausführungen zum derzeitigen „digitalen Dilemma“, das darin bestünde, dass viele Bevölkerungsgruppen über den Umgang der Heranwachsenden mit Computern in Sorge sind, „während sich gleichzeitig unsere Lebenswelt immer mehr digitalisiert“. Im Kontrast zu den besorgten Aufschreien stehen die Digitalisierung von Schulen, das Aufrüsten von Haushalten mit allerlei Computern oder das immense Vorhandensein von „Bildschirmarbeitsplätzen“. Im weiteren Verlauf bezieht der Autor Stellung zu viel diskutierten Fragen: Macht Computerspielen beispielsweise dumm und gewalttätig? Lässt es Sprachkompetenzen und Kreativität verarmen? Wie gefährlich sind soziale Netzwerke wirklich? Zuweilen nimmt er auch Bezug auf bekannte Studien oder Buchklassiker der letzten Jahre, die gegenläufige Thesen vertreten, wie Turkles Verloren unter 100 Freunden oder Spitzers populistisches Werk Digitale Demenz. Dabei geht es ihm nicht um eine vollständige Widerlegung verbreiteter Auffassungen; vielmehr hält Milzner fest, dass viele Ableitungen so nicht getroffen werden können und dass viele Ergebnisse weniger Anlass zur Beunruhigung liefern als auf den ersten Blick angenommen. Besonders interessant ist dabei das Kapitel über Internet- bzw. Computersucht. Milzner konzentriert sich hier nicht (nur) auf psychiatrische Diagnosekriterien, sondern reflektiert Suchtverhalten logisch und nachvollziehbar anhand verwandter Erscheinungsformen wie Gewohnheit, Exzess oder Leidenschaft. Man kann Milzner nicht vorwerfen, dass er Tatbestände beschönigt. Neben seinen abgewogenen Überlegungen schildert er sowohl harmlose positive als auch besorgniserregende Fälle aus seiner Alltagspraxis als Psychotherapeut. Seine Lösungsansätze sind nicht neu. Unter anderem empfiehlt er einen begleitenden Umgang mit digitalen Medien: keinen ignoranten, verbietenden, sondern einen interessiert-emphatischen. Das Befolgen solch bekannter Empfehlungen würde die gesellschaftliche Hysterie hinfällig machen, denn Computerkinder seien gesünder als weitläufig prognostiziert, vor allem diejenigen, die begleitet werden.

    Die erwachsene Leserschaft findet sich wohl am ehesten im Kapitel „Computerproblem als Beziehungsproblem“ wieder, in dem es darum geht, wem man heutzutage noch ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt. Milzner empfiehlt eine „kleine Aufmerksamkeitsethik“, die jede bzw. jeder (wieder-)erlernen und Kindern beibringen sollte. Das findet sich auch abschließend in den Handlungsempfehlungen unter „Was Kinder im digitalen Zeitalter von uns brauchen“ wieder. Dort findet sich zwar ebenfalls nichts bahnbrechend Neues, jedoch tragen die vorhergehenden Ausführungen erheblich zur Einsicht und zum Nachvollziehen der (selbst-)erzieherischen Maßnahmen bei. Mit dem letzten Kapitel wird Milzner noch einmal seinem bereits zu Beginn des Buches getroffenen Appell treu: Digitale Hysterie sei fehl am Platz; an ihre Stelle sollte eine interessierte und ‚echte' Auseinandersetzung zwischen Eltern, Erziehenden, Kindern und Jugendlichen treten. Die Publikation eignet sich damit für alle, die sich dafür interessieren, was hinter der digitalen Panik steckt. Besonders empfiehlt sie sich für Erziehende und besorgte Eltern, die mit ihren Schützlingen des Öfteren aufgrund benannter Themen aneinandergeraten. Digitale Hysterie ist zwar kein wissenschaftliches Buch, dennoch beruht es auch auf eigenen ‚empirischen‘ Erfahrungen. Zeitweise erinnert es an eine umfassende Kolumne oder einen journalistischen Kommentar. Vorgestellt werden die persönlichen Erfahrungen und Überlegungen eines Diplompsychologen und Psychotherapeuten. Im Gegensatz zum Titelvorläufer Digitale Demenz sind diese jedoch ausgewogen und differenziert, und die Diskussion gegenläufiger Studien und Publikationen erfolgt mit logischer Präzision und wissenschaftlicher Expertise. Auch wenn manch subjektive Überlegungen auf die gleiche Weise widerlegt oder durch Studienergebnisse untergraben werden könnten, ist dieses Buch dennoch eines: logisch und nachvollziehbar. Weder Hype noch Verteufelung des digitalen Wandels finden Platz – es ist eine reflektierte Auseinandersetzung mit dem höchstaktuellen und kontrovers diskutierten Themenkomplex.

    Jana Schröpfer war studentische Hilfskraft am JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis und bei merz | medien + erziehung. Sie studiert Internationale Public Relations an der Ludwig- Maximilians-Universität München.

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