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Klaus Lutz: Samstags kommt das Sams – oder nicht

    Zur Person

    Samstag ist aus meiner Sicht der undankbarste Tag der Woche. Entweder steht ein Wochenendseminar mit Jugendlichen an oder ein Vortrag auf einer Tagung. Streckt die Arbeit ihre langen Arme einmal nicht nach einem aus, so ist der Samstag dennoch nie arbeitsfrei. Das Bad und die Toiletten müssen beispielsweise geputzt und die aufgebrauchten Vorräte aufgefüllt werden. So muss man sich also nach dem Frühstück lange Einkaufszettel erklären lassen – als würde sich es um einen lateinischen Text handeln – lassen und dutzende Ermahnungen einstecken, nicht wieder den falschen Käse und zusätzliche kalorienhaltige Leckereien mitzubringen. Erstaunlicherweise teile ich dieses Schicksal mit vielen Männern. Das Internet der Dinge lässt auf sich warten. Mit vielen anderen schiebe ich meinen Einkaufswagen die Regale entlang, kaufe wieder den falschen Käse, saure statt süße Sahne und stelle mich an der Kasse an. Mich stört dieses Warten aber überhaupt nicht, denn das enge Zusammenstehen ermöglicht es mir, meinen – zugegeben etwas absonderlichen – Leidenschaften nachzugehen: Unterhaltungen anderer belauschen oder selbst ein Gespräch mit wildfremden Menschen beginnen.

    So auch, als vor mir ein gutaussehender großer dynamischer Mann, etwa Mitte 30 – meine Schwägerin würde sagen „ein Schnittchen“ –, die Kassiererin freundlich begrüßte und während des Kassiervorgangs mit ihr plauderte. Die beiden schienen sich privat zu kennen, denn die Kassiererin erkundigte sich nach der Tochter, die sonst doch immer mitkäme. Der wahrscheinlich auch beruflich sehr erfolgreiche Mann berichtete, dass jetzt, wo sie in der ersten Klasse sei, die Schule vorgehe. Sie sei gestern auf einem Geburtstag gewesen und müsse daher heute ihre Hausaufgaben erledigen. Schließlich sei Schule nun mal wichtig. Super, dachte ich mir, da haben wir es wieder. Die Kindheit ist mit dem Eintritt in die Schule zu Ende. Wahrscheinlich hat der ehrgeizige Vater längst das Gymnasium für das Kind ausgesucht, Klavier spielt sie sicher seit Jahren und die Ausbildungsversicherung für ein Studienjahr im Ausland ist auch längst abgeschlossen. Ich konnte gar nicht schnell genug den Laden verlassen, um meine Empörung über so viel ‚Bildungsfixiertheit‘ mitzuteilen. Zuhause hatte aber – wie jeden Samstag – niemand Zeit und Lust, sich meine Einkaufsgeschichten anzuhören. Gut, dass es die sozialen Medien gibt: Tablet geschnappt, um auf Facebook meine Erlebnisse mitzuteilen.

    In kürzester Zeit erhielt ich etliche wütende Kommentare über Eltern, die sich nur über ihre Kinder definieren, Empörung über das Schulsystem und das Ende der Kindheit durch das Selbige. Zufällig ergab es sich, dass ich am darauffolgenden Samstag wieder einkaufen musste – und an der Kasse stand erneut der gutaussehende junge Mann, diesmal mit seiner Tochter. Das kleine freundliche Mädchen, welches offensichtlich ein Down-Syndrom hat, erzählte der Kassiererin gerade begeistert von der Schule und wieviel Spaß ihr diese mache. Plötzlich stand das Ganze in einem neuen Zusammenhang. Ich bewunderte den Vater dafür, dass er seiner Tochter und deren Bildung dieselbe Wichtigkeit und Aufmerksamkeit zukommen lässt wie einem nicht behinderten Kind. Ich schämte mich, dass ich eine Geschichte in die Welt gesetzt hatte, die bei genauer Recherche ganz anders hätte erzählt werden müssen. Ich tröstete mich damit, dass ich immerhin nicht heimlich ein Foto von dem gutaussehenden Mann ins Internet gestellt hatte. Soweit reicht meine Medienkompetenz dann doch noch. Ich leiste hiermit öffentlich Abbitte. Mir wurde eindrücklich klar, wie schnell man zum Produzenten von Fake News werden kann.

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    JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

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