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Klaus Lutz: Zukunftsträume

    Zur Person

    Ich liebe Preisverleihungen im Fernsehen! Ob Bambi, Webvideopreis oder Sportler des Jahres, wenn ich Zeit habe, bin ich gerne vom Sofa aus live dabei. So auch am 02. Dezember 2015, als ich nach einem anstrengenden Arbeitstag unvermittelt bei der Preisverleihung des deutschen Zukunftspreises gelandet bin, von dessen Existenz ich bis dato noch keine Kenntnis hatte. Prämiert werden – soweit ich das verstanden habe – innovative Erfindungen der deutschen Wirtschaft. Eine der nominierten ‚Erfindungen‘ ist ein ausgeklügeltes Radarsystem für Fahrzeuge, welches in seiner letzten Ausbaustufe Fahrerinnen und Fahrer überflüssig macht. Nach einem gut gemachten Sendung mit der Maus-Erklärvideo bittet Moderatorin Maybrit Illner – heute ein Traum in rosa – Ralf Bornefeld von Infineon auf die Bühne. Sie konfrontiert ihn gleich zum Einstieg mit der Frage, ob der deutsche Mann bzw. die Frau (genau in dieser Reihenfolge) schon bereit sei, sich das Lenkrad von einer Maschine aus der Hand nehmen zu lassen. Leider ereilt mich – während ich noch gespannt der Antwort entgegenfiebere – in diesem Moment das Schicksal von so vielen Fernsehabenden. Es fällt mir immer schwerer, die Augen offenzuhalten, in mein Bewusstsein dringen nur noch Begriffsfetzen wie Zukunft und Industrie 4.0 vor sowie Teile des „auch du, Klaus, sollst mehr auf Sauberkeit achten, wenn ich schon das Putzen übernehme“-Monologs meiner Freundin, bevor ich die Reise in die Welt der Träume antrete: Nach einem langen Arbeitstag komme ich gegen 20.30 Uhr nach Hause.

    In Gedanken bei meiner To-Do-Liste für die Woche versuche ich, die Wohnungstür aufzuschließen. Der Chip – früher Schlüssel – gibt diese aber nicht frei. Nach mehreren vergeblichen Versuchen lese ich auf dem Türdisplay ‚Bitte erst Schuhe ausziehen‘. Schlagartig erinnere ich mich daran, dass ich letzte Woche einen neuen Teppichboden habe verlegen lassen und sich deshalb die Tür erst öffnen soll, nachdem ich die Schuhe ausgezogen habe. Und dank des Microchips in meinen Schuhen weiß die Tür auch, ob ich brav in die Hausschlappen geschlüpft bin – oder nicht. Also: Schuhe aus, Tür öffnet sich. Ich gehe zum Kühlschrank, um mir ein Feierabendbier zu holen. Dieser öffnet sich zwar, das Fach mit den alkoholischen Getränken leider nicht. Das Kühlschrankdisplay verrät mir aber, dass meine Freundin, die zurzeit im Ausland weilt, heute beim Frauenarzt war und in der dritten Woche schwanger ist. Da ich ihr leichtsinnigerweise versprochen hatte, bei einer Schwangerschaft gemeinsam mit ihr auf Alkohol zu verzichten, ist der Kühlschrank nicht mehr bereit, das Alkoholfach freizugeben. Also, einmal durchschnaufen, über den Nachwuchs freuen, und beim Nachbarn dessen Bier saufen. Nur blöd, dass das Türschloss Wind von dem Plan bekommen hat und nicht bereit ist, die Wohnungstür zu öffnen. Was soll‘s: rauf aufs Sofa, vor die Glotze. Doch statt Preisverleihungen oder Autoschrauber-Sendungen erfahre ich heute alles, was es über Schwangerschaften zu wissen gibt. Später im Bett werde ich auch noch im Zwei- Stunden-Takt durch ein Rütteln der Matratze geweckt, die mich auf den neuen Schlafrhythmus vorbereiten möchte. Wer zum Teufel hat der Matratze von der Schwangerschaft erzählt? Entnervt nehme ich meine Decke und ziehe aufs Sofa um.

    Am Morgen lese ich auf meinem Handydisplay, dass ich um 17.00 Uhr einen Termin bei meiner Therapeutin habe, die wissen möchte, warum ich die Nacht auf dem Sofa verbracht habe. Ich mache Frühstück und gebe dem Sofa, der alten Petze, einen Tritt, bevor ich verärgert aus der Wohnung stolpere ... und wache wieder auf. Ich bin etwas verwirrt, weil Maybrit Illner anscheinend schon Feierabend gemacht hat, ohne sich von mir zu verabschieden. Es ist bereits nach Mitternacht und ich begebe mich direkt ins Bett. Jaja, ohne Zähneputzen. Beim Einschlafen überlege ich leicht panisch, ob meine elektrische Zahnbürste dies wohl direkt an meine Zahnärztin weitergibt. Dann aber schnaufe ich erleichtert durch, denn noch ist das alles Zukunftsmusik. Oder doch nicht?

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    Kathrin Demmler | Prof. Dr. Bernd Schorb
    JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

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