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Philipp Walulis: Von Wirklichkeit und Wahnsinn

    Zur Person

    Das Ende der 1980er-Jahre in Deutschland war eine bewegte Zeit: David Hasselhoff demontierte im Alleingang den antikapitalistischen Schutzwall, Atomstaub aus Tschernobyl legte sich als strahlender Schleier des Fortschritts auf hiesige Heime und findige Fernsehproduzierende kamen auf die wohl irrste Idee: Den Alltag in Deutschland portraitieren. Allerdings mussten ein bisschen Aufregung und menschliche Schicksale schon sein. Daher entschied man sich, Krankenhäuser, Fabriken und soziale Einrichtungen mit der Kamera zu besuchen und auf spannende Geschichten oder zumindest bewegende Schicksale zu stoßen.Jetzt ist es allerdings so: Weder Zuschauende noch TV-Produzierende lieben Überraschungen. Doch eine Reportage bietet – zumindest im Herstellungsprozess – einen ganzen Haufen davon: Der vermeintlich faule Hartz IV-Empfänger entpuppt sich während der Dreharbeiten als strebsamer Arbeiter und Familiendramen sind nach einem gemeinsamen Glas Fernet Branca gelöst. So sehr diese Entwicklungen für das zwischenmenschliche Miteinander zu begrüßen sind, so sehr gehen sie für den TV-Produzierenden ins Geld – denn solch harmonisches Material ist unsendbar.

    Idealerweise setzt sich die Familie für eine Privatfernsehreportage so zusammen: Der Familienvater ist übergewichtig, die Frau geht auf den Strich, der Sohn vertickt Drogen und die Tochter ist übergewichtig, geht auf den Strich und vertickt Drogen.

    Publikum und Sender gierten nach eben solchen Dramen, Katastrophen und Abgründen, die für die Produzierenden aber immer schwerer zu liefern waren. Was tun in der Not? Die einfache wie geniale Lösung: Laiendarstellerinnen und -darsteller ohne Erfahrung und Drehbücher auf Groschenroman-Niveau. Die sich wacker am Skript abmühenden Hobbydarstellenden werden in ihrer natürlichen, prekären Situation belassen und mit einer pseudo-dokumentarisch verwackelten Kamera gefilmt. Fertig ist die Scripted Reality-Reportage.Da das Spiel dieser Laienkomparsinnen und -komparsen aber nicht immer klar und schlüssig ist, muss ein überdramatisierender Sprecher das gerade Gesehene noch einmal zusammenfassen. Außerdem darf nach jeder Szene die Figur in einer Art Innenschau eigene Emotionen und Intentionen dem Publikum direkt mitteilen, um so auch die letzten Zweifel und Verwirrungen seitens der Betrachtendenauszuräumen. Durch diese Redundanz werden en passant Drehbuchschwächen, fehlendes Schauspieltalent und aufgrund der schnellen und extrem billigen Produktionsweise unweigerlich auftretende Produktionsfehler effizient weggebügelt.

    Der Knallchargen-Sender RTL ist sich nicht zu blöd, seinen gesamten Nachmittag mit dieser Produktionsmethode zu füllen. Die Namen der Sendungen sind ähnlich fantasievoll wie die Geschichten: Von Familienfälle über Verdachtsfälle bis Betrugsfälle werden Permutationen des immer gleichen Themas dem weggedösten Publikum kredenzt. Das Ergebnis sind dramaturgische Meisterwerke mit vielversprechenden Folgentitel wie Durchgeknallte FKK-Mutter blamiert Familie, Der Traumbusen, Süchtig nach Schnittkäse oder Zu dick für den Führerschein.Aber ist der Ruf des Senders erst ruiniert, könnte der Sender das Scripted Reality-Konzept auch gleich auf das gesamte Programm ausweiten: Gameshows ließen sich nach Drehbuch gestalten oder die Nachrichten mit Laiendarstellenden einfach für Monate vorproduzieren. Dass kleingeistige Menschen hier von Fake oder Betrug sprechen würden, sollte die Programmverantwortlichen nicht weiter grämen – haben sie doch über Jahre hinweg ihre Verachtung dem Publikum gegenüber beeindruckend demonstriert.

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