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Pia Deutsch: OER in Deutschland – der 'Nachzügler' holt auf

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Orr, Dominic/Neumann, Jan/Muuß-Merholz, Jöran (2018). OER in Deutschland: Praxis und Politik. Bonn. 89 S., kostenfrei.

 

Digitale Bildung ist in aller Munde und ein zentrales Thema unserer Zeit. Speziell Open Educational Resources (OER) sind hierfür ein bedeutendes Element. OER sind Bildungsmaterialien, die auf jegliche Art und Weise und in jedem Medium, unter einer offenen Lizenz veröffentlicht werden und frei zugänglich sind. Was OER betrifft, gilt Deutschland jedoch eher als Nachzügler und wurde international bisher wenig beachtet – obwohl es auch hier eine starke OER-Community gibt. Die Studie ‚OER in Deutschland: Praxis und Politik‘ zeigt dabei, dass hierzulande Initiativen, sowohl Bottom-Up (von der Praxis ausgehend) als auch Top-Down (von der Politik ausgehend) parallel existieren. Für jeden Bildungssektor werden ausgewählte sowie relevante Beispiele aus der Praxis und Politik vorgestellt, wobei sich vorwiegend auf politische Fragen im Zusammenhang mit OER konzentriert wird.

Laut UNESCO ermöglichen OER den Zugang zu hochwertiger Bildung und sind demzufolge für die Realisierung der Globalen Bildungsagenda 2030 bedeutend. Die Autoren sprechen zunächst offen an, dass sie mit OER sympathisieren und ihre Voreingenommenheit im Bericht transparent ansprechen werden. Anschließend wird ein kurzer chronologischer Überblick über die bisherigen Entwicklungen in Bezug auf OER in Deutschland geliefert. Dabei wurde versucht, die Waage zwischen den Bottom-Up- und Top-Down-Initiativen zu halten. Als wichtige Strategie heben die Autoren die Digitale Bildungsagenda der Bundesregierung hervor. Diese widmet sich im Handlungsfeld fünf der Agenda den Bereichen Bildung, Forschung und Wissenschaft. Bezüglich OER haben die Bildungsserver der Länder 2016 eine Selbstverpflichtung zu OER verabschiedet. Dies seien erste Schritte in die richtige Richtung, denn speziell die Bildungsserver stellen mitunter offen lizensierte Ressourcen zur Verfügung und sind daher ein bedeutender Aspekt für die Verbreitung von OER.

Im Fokus auf zentrale Herausforderungen, die sich mit dem Eingang von OER in das Bildungssystem hervortaten, wird unter anderem die Debatte über die Digitalisierung, das Urheber- und das Datenschutzrecht und die dezentrale Struktur der Bildung in Deutschland beleuchtet. Die Autoren bemängeln, dass das Strategiepapier der Kultusministerkonferenz (KMK) zur Digitalen Agenda das innovative Potenzial von OER nicht erwähnt. Auch die Digitale Agenda der Bundesregierung selbst thematisiert OER nicht. Die bestehenden Verzögerungen beim Zustandekommen des Digitalpakts betrachten die Verfasser kritisch, da hierdurch wertvolle finanzielle Mittel zur Förderung und Verbreitung von OER entfallen.

Im quantitativen Überblick über OER in Deutschland betrachten die Autoren insbesondere Services, also (Web-)Angebote, die den Nutzenden einen Dienst dauerhaft anbieten, und deren Bereitstellung von Ressourcen. Dabei wird unterschieden zwischen Repositorien bzw. Plattformen, die Dokumente hosten, und Referatorien, im Sinne von Plattformen, die auf von anderen gehostete Dokumente verlinken. Allerdings wurden die Daten mittels der OER World Map erhoben und können daher nicht ohne Weiteres verallgemeinert werden. Unter kritischer Betrachtung können sie lediglich als Anhaltspunkt hinzugezogen werden. Anschließend werden einige Beispiele für ländergeführte und staatliche Top-Down-Aktivitäten genannt. Als bedeutendste staatliche Maßnahme zur Förderung von OER wird das bereichsübergreifende Förderprogramm OERinfo angeführt. Neben der Informationswebseite steht primär die Förderung der Kompetenzen zur Nutzung, Erstellung und Verbreitung von OER, im Sinne von Train-the-Trainer, im Mittelpunkt. Die Verfasser geben schließlich sechs Anregungspunkte für die zukünftige Erfolgsförderung des Webseitenprojekts OERinfo an, wobei die Autoren Muuß-Merholz und Neumann sogar selbst an dem Projekt beteiligt gewesen sind. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass an dem Gelingen des Projekts besonderes Interesse besteht, welches sich anhand der Aufführungen vielfältiger Beispiele von Bottom-Up-Initiativen aus verschiedenen Bildungssektoren und dem Aufzeigen einer stark bereichsübergreifenden Community mit gemeinsamem Interesse an OER in Deutschland im Band widerspiegelt. Weitere Einschätzungen werden jedoch, aufgrund des Fokus auf Top-Down-Aktivitäten, nicht abgegeben.

Das letzte Kapitel gibt eine Gesamtbewertung zu den Entwicklungen in Deutschland ab und zeigt mögliche nächste Schritte auf. Das Potenzial von OER, Bildungsmedien zugänglicher und anpassungsfähiger zu machen, wird nochmals bekräftigt. Das Programm OERinfo wird hierbei als erster sinnvoller Ansatz im Bereich OER hervorgehoben. Als mögliche nächste Schritte stellen die Verfasser drei verschiedene Szenarien für die Zukunft dar, die das Zustandekommen des Digitalpakts voraussetzen. Als zentrale Einsichten aus der Studie geben die Autoren an, dass unter anderem zu prüfen sei, ob das ganze Potenzial der OER in wichtigen Strategiepapieren bedacht wird und ob OER-Anwender durch Top-Down-Programme unterstützt werden.

Das Kapitel OER in Deutschland: Praxis und Politik richtet sich schließlich erneut vor allem an die Politik, aber auch an die OER-Community sowie pädagogisches Fachpersonal und weitere Interessierte. Nach einer klaren Positionierung der Autoren für den Einsatz von OER, legen sie Probleme und bisherige Arbeitsfelder offen, die als wichtige Grundlage für eine aussichtsreiche, zukünftige Arbeit anzusehen seien. Es gelingt ihnen, mit der Umschau von bisherigen Top-Down-Aktivitäten und Bottom-Up-Initiativen zentrale Beispiele aufzuführen und für sowohl staatliche als auch weitere Maßnahmen der Community anzuregen. Insgesamt fällt der Fokus auf Top-Down-Aktivitäten auf, was auf die bislang wenigen erfolgreichen Projekte dieser Art zurückgeführt werden könnte. Dennoch sind Bottom-Up-Initiativen nicht zu vernachlässigen, da sie Anreiz und Motivation für eine Weiterentwicklung von wegweisenden OER-Communitys bieten können. Des Weiteren ist markant, dass dem Zustandekommen des Digitalpakts eine sehr große Rolle beigemessen wird und dieser als zentraler Faktor für die zukünftige Entwicklung für OER womöglich andere beeinflussende Faktoren überdeckt.

Auch wenn offen bleibt, welche Top-Down-Aktivitäten sinnvoll einzusetzen wären und wie diese gestaltet werden sollen, liefert der Band wichtige Aspekte für politische Fragen im Zusammenhang mit OER sowie Top-Down-Aktivitäten und reichert damit gewiss die Debatte um Open Access Resources und die Erhöhung ihrer allgemeinen Akzeptanz an.

 

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