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Swenja Wütscher: Die letzte Seite

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    So langsam wird mein Finger lahm, denke ich, diese Liste mit Hunderten von Fernsehkanälen ist wirklich supersmart. Bereits drei potenzielle Programmangebote habe ich in meinem Kurzzeitgedächtnis gespeichert, obwohl ich von Buchstabe F bis M die Angebote nur im Turbolauf überflogen habe. Wenn ich nun die Programmtaste meiner Fernbedienung weiter durchgedrückt halten würde – anstatt jeden Kanal per Einzeldruck auszuwählen –, dann würde der Auswahlbalken für mich noch weiter über meine neue Flach-Mattscheibe rattern, aber einen Sinn hätte das wohl nur bedingt. Ich kann bei der Durchlaufgeschwindigkeit sowieso nur hieroglyphenartige Sendernamen erkennen und bis zur letzten Kanalübersichtsseite werde ich wohl in keinem Falle durchdringen.Ich stelle mir gerade vor, wie es wäre, würde ich einmal das Ende des Internet erreichen. Würde mir mein Bildschirm wie aus dem Nichts eine Nachricht einblenden, dass dies die letzte Homepage sei. Dass es keine weiteren Seiten mehr gebe, dass ich meinen Browser nun schließen könne. Es wäre aus und vorbei ... und es wäre doch gleichzeitig so wundervoll, spannend, aufregend!Es würde dann ja sicherlich sowas wie einen Internet-Nachfolger geben, etwas, was ich mir in diesem Augenblick wohl einfach noch nicht vorstellen und adäquat betiteln kann. Es wäre so, wie mit den Schulheften damals.

    Die, die ich mir neu gekauft und bei denen ich mir felsenfest vorgenommen habe, diesmal ganz bestimmt alle Hausaufgaben zu machen, ordentlich zu schreiben, immer das Datum zu vermerken und eine saubere Überschrift zu setzen, nichts mit Tinte zu verklecksen, umzuknicken und in keinem Falle eine Seite rauszureißen. Gut, nach einem Monat sah es eigentlich immer wieder genauso aus wie das Heft, das ich weggeworfen hatte, aber dieser Neuanfang hatte für mich dennoch immer die Geister des alten Heftes vertrieben und mir eine notwendige Brise an frischem Wind ins Gesicht geweht, ein Gefühl voller Stolz, es die ersten Seiten ganz in meinem Sinne geschafft zu haben. Und auch wenn ich beim Internet-Nachfolger vielleicht kein weiteres Ende mehr erleben würde, ich hätte doch jetzt die Möglichkeit eines unberührt- reinen Neuanfangs. Jeder von uns. Jede Internet-Surferin, jeder Internetsurfer hätte einen neuen Ausgangspunkt – die Startseite, die er selbst wählt.Schade, dass es so etwas in der heutigen Medienwelt kaum noch gibt. Bücher, Zeitungen, Kassetten, ja selbst CDs setzen sich so langsam aber sicher in die zweite Reihe und nehmen dabei den Geruch mit, der in meine Nase steigt, beim ersten Öffnen eines frischen Notizbuchs, bei dem die Seiten noch ein klein wenig aneinander kleben, der Rücken noch nicht gebrochen ist und die Ecken noch nicht abgeschrammt sind.

    Ich für meinen Teil werde sie vermissen, die letzten Seiten, die abschließend neue Geschenke mit sich bringen. Nur sehr wehmütig verlagere ich mein Leben in die unendliche Freiheit, die so gesehen gar keine ist. Denn ein Kapitel in meinem Leben abzuschließen – ganz egal ob digital oder analog –, gibt mir persönlich einiges mehr an Freiheit für einen neuen Abschnitt.

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