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Swenja Wütscher: Gelee auf Erdnussflips

    Zur Person

    „Gute Nacht Agnes, gute Nacht Margo, Sekunde, Sekunde, was soll das werden – wem schreibst du da?“ „Keinem, ich schreib bloß an Avery.“ „Aaaavery, A … Avery? … Was für ein Name ist das – für Mädchen oder für Jungen?“ „Ist das wichtig? „Neeein, nein, ist nicht wichtig – außer, es geht um ein Jungen.“ Gute-Nacht-Geschichten, Kindergeburtstage und erste Verehrer – seitdem der Superschurke Gru sein Bösewicht-Dasein an den Nagel gehängt und die Waisenkinder Margo, Edith und Agnes adoptiert hat, ist das Leben des liebenden Familienvaters ruhigergeworden. Schattenseiten birgt es zwar noch immer, doch statt Pläne zu schmieden, wie er die Weltherrschaft an sich reißen könne, versucht Gru sich nun als seriöser Chef einer Konfitüren- und Geleeproduktionsfirma. Allerdings mit Betonung auf ‚versucht‘, denn sein Endprodukt ist scheußlich, wie seine beliebt-berüchtigte Minion-Armee eindeutig bestätigen kann. Dazu gibt es jetzt auch noch einen Gru-Nachfolger, einen neuen, einen anderen mysteriösen Superschurken, der besiegt werden muss und dafür braucht eine gewisse Geheimorganisation Fachkenntnisse, und zwar von keinem Geringeren als Gru höchstpersönlich: „Wir sind die Anti-Verbrecherliga, die sich dem Kampf gegen das weltweite Verbrechen verschrieben hat. Ein neuer Schurke ist aufgetaucht, als Ex-Schurke wissen Sie, wie ein Schurke denkt und handelt, deshalb haben wir Sie hierher bringen lassen. Ich bin der Direktor der Liga, Silas Ramspopo.“

    Durch den tatkräftigen Einsatz der Top-Agentin Lucy wird Gru ganz gegen seinen Willen ein Unterfangen unterbreitet, dass seine neuerlangte Idylle über den Haufen werfen würde. Wenn auch sehr zögerlich, so willigt der ehemalige Schurke letztendlich ein und macht sich voller Eifer auf die Jagd nach jenem Bösewicht – natürlich wieder in Zusammenarbeit mit seinen treuen Minions. Seinen neuen Auftrag aber auch noch mit der Erziehung seiner Adoptivtöchter in Einklang zu bringen, erweist sich als große Herausforderung. Als Gru dann auch noch bemerkt, dass er und diese Lucy auch fernab von Verbrecherbekämpfungen ein Dream-Team sein könnten – ist die Überforderung des einstigen Einzelgängers perfekt. „Hey, was ist los?“ „Och, gar nichts, gar nichts ist los. Ich entspanne hier, mit dem Tortilla-Hut, und ziehe mir Guacamole rein.“ „Gru, bitte, diesen Gesichtsausdruck kenne ich nur zu gut. Dahinter steckt ein gebrochenes Herz.“ „Woran haben Sie das gesehen?“ „Glauben Sie mir, mein Freund, ich habe selbst so manche Nacht versucht meinen Kummer zu ertränken, in Guacamole.“ Nach ihrem großen Erfolg als siebterfolgreichster Film im Jahr 2010 haben sich Pierre Coffin und Chris Renaud schnell einer Fortsetzung gewidmet. Um es aber gleich vorweg zu nehmen, mit Ich, Einfach Unverbesserlich 2 können sich die Regisseure leider nicht mehr in der Liga ihres unverbesserlichen Universal-Animationsdebüts einreihen. Das erneut verantwortliche Duo verliert nämlich leider auf der Strecke zum erneuten Minion-Blockbuster eine Stärke des ersten Teils, die berührende Geschichte und das Herz.

    Dass Al Pacino – obwohl er mit dem Einsprechen seiner englischsprachigen Bösewicht-Rolle bereits deutlich fortgeschritten war – schlussendlich wegen kreativer Differenzen abgesprungen ist, spricht wohl bereits deutlich für sich. Auch haben Steve Carell im Original und Oliver Rohrbeck in der deutschen Fassung ihre Rolle als Schurke zwar wieder übernommen, aber der fröhlich-ambitioniert-verliebte Papa der guten Seite kommt eindeutig nicht an den schräg-kurios-lustig-griesgrämigen Anti-Helden-Schurken von damals ran. „Ich habe soeben einen neuen Job angenommen.“ „Wow, wirklich?“ „Ja, ich wurde nämlich angeworben von einer strenggeheimen Organisation. Ich soll undercover ermitteln und die Welt retten.“ „Echt, du bist ein Spion?“ „Gaaaanz genau, Babe. Gru ist wieder am Start mit Technikzeug und Waffen und coolen Autos. Da fehlt nichts.“ Visuell geht das Konzept hingegen vollends auf, durch die unglaubliche Liebe zum Detail. Immer und überall gibt es selbst in den hintersten Leinwandecken großartige Action zu entdecken wie beispielsweise bei Agnes‘ Geburtstagsfeier, bei der selbst für das erwachsene Publikum Kinderträume wahr werden. Der trendige 3D-Effekt, der ganz selbstverständlich auch über diesen Film gelegt worden ist, ist bei diesen prächtigen Bildernallerdings absolut überflüssig; räumliche Tiefen und Popouts erscheinen sowieso nur selten. Im Abspann wird das verschenkte Potenzial dann am deutlichsten, wenn die Dimensionen in Bonusszenen ihre Wirkung in vollster Pracht auskosten; schade und selbstironisch zugleich. Aber da sind ja noch die unwiderstehlichen Nebenfiguren, die geradegebogenen Erdnussflips, die klein-gelben Latzhosenträger, die wahren Protagonisten: die Minions. Und genau hinter diesen verbirgt sich auch diesmal wieder das Erfolgsgeheimnis des Films. Denn auch diesmal tragen sie wieder die schmerzhaftesten Unglücke mit einer unvergleichlich-störrischen Gelassenheit und interpretieren mit ihren unverständlichen Lauten italienische Schmusesongs und amerikanische Evergreens mit unnachahmlich-grandiosen Performances.

    Die Songelemente sind es übrigens auch, die mit ihrer kurz-episodischen Taktung die Handlung stetig pausieren lassen und so die Animationskomödie kindgerecht aufbereiten, während die inhaltliche Klassik der Musik auch Erwachsene überzeugt und weiter in den Bann zieht. Leider wird die Unterhaltung der Großen in der eigentlichen Handlung gelegentlich überstrapaziert, so dass bei den jüngeren Zuschauerinnen und Zuschauern Fragezeichen im Kopf entstehen, wenn sich beispielsweise Gru aus im Plot selbst unausgesprochenen Gründen eine komplette Szene lang nicht traut, seine heimlich Angebetete anzurufen. Der FSK 0 tut dies keinenAbbruch, es sorgt lediglich für Klärungsgespräche zwischen Kindern und Erwachsenen während der Vorstellung. Da die Minions im Zwischenteil aber sowieso aus obskuren Gründen von der Bildfläche verschwinden und damit der Handlungsprozess einfällt – dem Kreativteam scheint zu den drei Kindern nicht mehr viel Neues eingefallen zu sein –, bleibt dafür zumindest ausreichend Gelegenheit. Ich, Einfach Unverbesserlich 2 bietet also seiner Fangemeinde um die Minions eine zweite, großartige Kult-Komödie, wenn diese sich stets eifrig abrackern und regelmäßig eins auf die Mütze bekommen.

    Die Agentengeschichte an sich sorgt allerdings mit seinen 100 Minuten Laufzeit nur für einen netten Familienausflug. Für das Jahr 2014 scheint das Produzententeam von Universal Pictures die bessere Lösung vorzubereiten, denn dann werden die gelben Tollpatsche ihre ganz eigene Bühne erhalten in Despicable Me: Minions Spin-Off. Dann vermutlich höchst erfolgreich, ganz ohne dass eine Liebesgeschichte oder James Bond-übertrumpfendes Equipment aufgefahren werden müssen.

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    Kathrin Demmler | Prof. Dr. Bernd Schorb
    JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

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