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Zirkulation. Mediale Ordnungen von Kreisläufen

Call for Paper ZfM 23 – Zirkulation

Der Begriff der Zirkulation ist – in der Medienwissenschaft und weit darüber hinaus – zu einer zentralen Analyse- und Beschreibungskategorie geworden. Er wird verwendet, um die Bewegung von Filmen und Serien, von Nachrichten und Inhalten, aber eben auch von Containern und Viren, Geld und Toxinen, Affekten und Verwaltungsformularen, Wolken und Ideen, Elektrizität und Wasser zu erfassen. Insbesondere im Kontext der ANT zielt er darauf ab, die Herstellung globaler Ordnungen durch das Nachzeichnen materieller Verknüpfungen, Übersetzungen und Vermittlungen zu verstehen. Die dynamische Medialität der Übertragung, der Weitergabe und des In-Bewegung-Setzens ist dabei von herausragendem Interesse.

Im vorgesehenen Heftschwerpunkt der Zeitschrift für Medienwissenschaft wollen wir zu einer Auseinandersetzung mit den Ordnungsentwürfen und Ordnungstechniken einladen, die mit der Konzeption von Zirkulationsbewegungen einhergeht. Damit regen wir eine Untersuchung der Dimensionen der Schließung, Beobachtung und Infrastruktur an:

(1) Ursprünglich in Biologie und Ökonomie verwendet, ist der Begriff «Zirkulation» eng verbunden mit der Figur einer in sich zurücklaufenden Bewegung und einer Vorstellung von kosmischer Ordnung. Heute ist diese Diagrammatik der zirkulären Schließung vor allem in zwei Bereichen prominent zu finden: zum einen im Bereich der Ökologie, und hier insbesondere bei der Erforschung und biotechnologischen Gestaltung metabolischer Kreisläufe; zum anderen in logistischen Modellen des Verkehrs, wo sie zu einer Aufgabe der Kontrolle und des Managements wird. Der Zirkel der Zirkulation changiert damit zwischen einem Projekt logistischer Verkehrssteuerung und einer Konzeption ökologischer Selbsterneuerung. Wir fragen: Welche Rolle spielen Offenheit, Blockade oder Unterbrechung in dieser Ordnungsvision? Was entgeht der «perfekten Schließung» und was dringt in sie ein? Und wie können diese Fragen wiederum für die Beschreibung und Analyse zirkulierender Dinge methodologisch fruchtbar gemacht werden?

(2) Die Zirkulationsbewegung ist an eine Beobachtungsposition gekoppelt, von der aus die Schließung des Zirkels einsehbar ist. Schließung, Offenheit, Verlust, Erhaltung, Gewinn, Stabilisierung – all diese Momente der Zirkulation sind abhängig von medientechnischen Verfahren der Registratur, in denen sie sichtbar werden können. Das betrifft zunächst mediale Arrangements zur Erfassung und Steuerung von Zirkulationsprozessen wie z.B. Kontrollräume in Verkehrsleitzentren oder Karten, welche die Verbreitung von Pathogenen oder Toxinen verzeichnen. Inzwischen sind es aber immer häufiger auch automatisierte und algorithmische Verfahren, die auf Plattformen derartige Beobachtungen leisten und darauf basierende Daten zur Weiterverarbeitung bereitstellen. Aber die Frage nach den medialen Ordnungsleistungen geht ebenso die wissenschaftliche Beobachter_in selbst an. Auch sie entwirft «Panoramen» sozio-technischer Schließung, gestaltet Experimentalanordnungen zur Verfolgung von Aktanten und kultiviert moralische Sensibilitäten, um die Rückkopplungen der eigenen Handlungsfolgen wahrnehmbar zu machen. Wir fragen: Welche Beobachtungsmedien erzielen welche Form von Ordnungsvisionen und Ordnungsleistungen in Bezug auf Zirkulationsdispositive? Und wie lassen sich Beobachtungsmedien und Beobachtungsmethodologien in der wissenschaftlichen Forschung so kombinieren, dass sie ihre eigenen blinden Flecke sichtbar machen?

(3) Zirkulation ist kein Mäandern oder Zerfließen. Vielmehr verweist sie auf eine infrastrukturelle Bahn, die sie im Raum leitet. Kläranlagen, Formulare, Unterseekabel, Online-Plattformen, Filmfestivals, Verkehrswege und Stromleitungen wurden in der letzten Dekade als medientechnische «Mittler» der Zirkulation in den Blick genommen. Transport ist dabei immer schon als Transformation gedacht. Infrastrukturen sind damit als selektive Apparaturen zu untersuchen, innerhalb derer die Zirkulation ein spezifisches Bewegungsprofil erhält. Aber: Was ist beispielsweise, wenn Dinge nicht «fließen», sondern «springen» – wenn also die oftmals unterstellte Kontiguität und Kontinuität der Zirkulation zu korrigieren ist? Wie kann man diese Eigenschaften, die selbst infrastrukturell vermittelt sind, in der Analyse der Zirkulation und ihrer materiellen Bedingungen prominenter verankern und welche räumlichen Präfigurationen sind anzupassen?

Die mediale Ordnung von Kreisläufen zu untersuchen, bedeutet also die Schließung, Selbstbeobachtung und infrastrukturelle Bahnung in den Blick zu nehmen. Alle drei Ordnungsaspekte sind in konstitutiver Weise von Medien abhängig. Deshalb schließen wir mit dieser Ausgabe unter dem spezifischen Blickwinkel der Zirkulation an verschiedene medienwissenschaftliche Debattenstränge an: u.a. Debatten um logistical media, «elementale» Medien, die Modellierung und Simulation von Zirkulationsphänomenen, Produktionskultur und praxeologische Forschung, Medienökologien sowie an verschiedene Anwendungsfelder der Akteur-Medien-Theorie und «gouvernemedialer» Prozesse.

Redaktion des Schwerpunkts: Malte Hagener, Sven Opitz, Ute Tellmann

Einreichung kompletter Beiträge im Umfang von ca. 25.000 Zeichen werden bis Ende Februar 2020 erbeten an redaktion@zfmedienwissenschaft.de

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Herausgeber

Kathrin Demmler | Prof. Dr. Bernd Schorb
JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

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