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Die Kinoüberraschung des Sommers

Filmrezension: Free Guy. Regie: Shawn Levy. USA 2021

Ein normaleres Leben könnte Guy, die Hauptfigur des Filmes ‚Free Guy‘, wohl nicht führen. Jeden Morgen füttert er seinen Goldfisch ‚Goldie‘, zieht das gleiche blaue Hemd an, bestellt einen Kaffee mit zwei Stück Zucker und geht zur Arbeit in die Bank von „Free City“. Dort trifft er auf seinen Buddy mit dem Namen ‚Buddy‘ und macht nach ein, zwei Überfällen Feierabend.

Brennende Autos, Massenschießereien, Überfälle und Morde – auch das ist normal in Free City. Guy und Buddy lassen sich davon nicht aus der Ruhe bringen bis eine unerwartete Begegnung mit einer Frau auf der Straße Guys Leben von Grund auf verändert.

Es lässt sich bei der Beschreibung von Guys Lebenswelt vielleicht schon erahnen, aber Guy ist kein Mensch, sondern ein sogenannter NPC, ein Non-Player Character, und seine Welt ist nicht die Realität, sondern ein Computerspiel: ‚FreeCity 1‘.

In der realen Welt beschuldigt Programmiererin Milly Antwan, den Publisher des Spiels, den Code ihres Spiels ‚Lifeitself‘ geklaut zu haben und sucht im Spiel ‚FreeCity‘ zusammen mit dem vom NPC zur KI entwickelten Guy nach Beweisen.

‚Free Guy‘ handelt von künstlicher Intelligenz, Profitgier, Autorenschaft von Games und freiem Willen und funktioniert nach dem Prinzip der ‚Truman Show‘.

Guy ist wie Truman gefangen im eintönigen Alltag einer nicht realen Welt, versteht im Laufe des Filmes seine Lage und versucht zu entfliehen. Sogar einzelne Szenen, wie das Gespräch über den Sinn des Lebens mit dem besten Freund, das Zeigen der verschiedenen Zuschauer*innen in der ganzen realen Welt und die Versuche des ‚Schöpfers‘ die Flucht der Hauptfigur hinter den Horizont in eine andere Welt zu verhindern, könnten so aus der Truman Show übernommen worden sein. Auch Guys übertrieben gut gelaunte catch-phrase „Haben Sie keinen guten Tag. Haben Sie einen tollen Tag!“ erinnert an Trumans “In case I don’t see ya…good afternoon, good evening, and goodnight“.

Neben diesen Parallelen referenziert der Film auf diverse weitere Filme, wie ‚Jungfrau (40), männlich sucht...‘, ,Matrix' und ‚Groundhog Day‘ und popkulturelle Phänomene, wie Miley Cyrus Musikvideo ‚Wrecking Ball‘, Tänze aus dem ‚Fortnite‘-Spiel und ‚Star Wars‘- Waffen. Gerade Computerspielliebhaber finden in einigen Szenen Easter Eggs und bekannte Gesichter. Dieses Sammelsurium an bekannten Motiven im neuen Kontext der Games und die zahlreichen reflexiven Momente, in denen das Medium Film über das Medium Computerspiel und aber auch über sich selbst nachdenkt macht den Film so einzigartig und witzig.

Als Film, der von einem Computerspiel handelt, ist auch seine Ästhetik und Logik an Games angepasst. Guy sieht beispielsweise mithilfe einer Sonnenbrille plötzlich neonfarbene Beschriftungen in seiner Welt und Waffen, Geld und Erste-Hilfe-Koffer zum Einsammeln. Die Figuren haben außerdem einen beeindruckenden Fundus an Autos, Kutschen, Motorrädern und Waffen. NPC-Frauen fungieren mit kurzen Kleidern und tiefen Ausschnitten dazu, Männern Bestätigung zu geben und es ist übermäßig viel Action und Schießerei im Film zu sehen.

Dieses bereits in den ersten Minuten des Films gezeigte übertriebene Maß an Gewalt und Guys abgestumpfte Art dem mit guter Laune zu begegnen birgt nicht nur Potenzial für Komik, sondern geben dem Film auch einen kritisch reflektierenden Aspekt. Auch der Konflikt zwischen Antwans gewaltvollem Spiel ‚Free City‘ und Millys gewaltlosem Spiel ‚Lifeitself‘ wirft die Frage nach der Notwendigkeit von Gewalt im Spiel auf.

Auch wenn Games-Filme normalerweise keine guten Kritiken erhalten, könnte Free Guy einige der wenigen gelungenen Ausnahmen des Genres sein. Einige Stimmen kritisieren, der Film sei überladen mit Action und flacher Komik, jedoch könnte sich dies auch mit dem Reflexionscharakter von Computerspielen erklären. Einzig schade ist, dass erneut, wie in zahlreichen Hollywood-Filmen die Darstellung von People of Colour nur als bester Freund vom weißen Helden geschieht. Möglicherweise ist auch das eine reflexive Anspielung auf andere Filme, hätte jedoch auch dadurch gezeigt werden können, indem die Rollen mal vertauscht würden. Nichtsdestotrotz haben Ryan Reynolds die Figur des Guys und Jodie Comer die Figur der Milly hervorragend durch Mimik und Gestik verkörpert.

Der Film wurde bereits in einigen Rezensionen die Kinoüberraschung des Sommers genannt und ich würde dem nur zustimmen. Ich kann mich nicht daran erinnern schon einmal so viel im Kino gelacht zu haben.

,Free Guy’ läuft seit dem 12. August in den deutschen Kinos.

 

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Luisa Baier


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