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Filmrezension: GIRL GANG

Ein Blick hinter die Kulissen des Influencer*innen-Lebens

 

„Es war einmal eine Zeit, da lebte ein Mädchen am Rande einer großen Stadt. Als das Mädchen alt genug war, da schenkten die Eltern ihr einen kleinen, schwarzen Spiegel. Eines lieben Tages, fand sie in den Tiefen des Spiegels viele andere Mädchen und wenn es hineinschaute und zum Spiegel sprach, konnten all die anderen Mädchen auf dieser Welt es sehen und hören. Denn auch sie besaßen einen solchen Spiegel. „Es ist ganz einfach, so zu sein wie ich“, sagte das Mädchen. „Kommt und folgt mir.“" 

Was hier so märchenhaft anklingt, sind die einleitenden Worte zum neuen Dokumentarfilm Girl Gang der Schweizer Regisseurin Susanne Regina Meures. Dieser erzählt jedoch keine romantische Geschichte, wie angesichts dieser metaphorischen Einführung vermutet werden könnte. Stattdessen wird das reale Leben von Leonie porträtiert, die mit ihrer Familie im Osten Berlins lebt und neben der Schule als Influencerin (unter dem NamenLeoobalys) erfolgreich ist. Als der Film beginnt, ist sie vierzehn, hat knapp 600.000 Follower*innen in den Sozialen Medien und wird von ihren Eltern – Andreas und Sani – bei ihren Postings unterstützt. Was anfangs noch als harmloses, unterhaltsames Hobby anmutet, weicht schnell dem Porträt einer Familie, die alles daran setzt, Leonies Reichweite zu vergrößern, Werbeaufträge zu generieren oder Verträge mit einflussreichen Marken auszuhandeln. 

Schnell wird deutlich, dass es für die Familie keinen Mittelweg zwischen einem normalen Teenager-Dasein und der Tätigkeit als Influencerin gibt. Um den Weg ganz nach oben zu schaffen, müssen Schule, Freizeit oder Treffen mit Freund*innen anstrengenden Videodrehs, Interviews oder Terminen bei großen Social-Media-Veranstaltungen weichen. Doch der immense Druck, dem die junge Influencerin stetig ausgesetzt ist, stellt nicht die einzige Problematik dar, die im Film beleuchtet wird. So wird die wachsende Popularität von Leonie zunehmend vom Hass in den Kommentarspalten auf Instagram, TikTok und Co. überschattet. Zwar versuchen die Eltern, ihre Tochter vor den Beleidigungen und Anfeindungen im Netz zu schützen – bewahren können sie Leonie vor der Flut an negativen, verletzenden oder gar bedrohlichen Nachrichten jedoch nicht. An diesem Punkt stellt sich die Frage, welcher Preis hier für den Traum von Erfolg, Ruhm und Wohlstand gezahlt wird. Die Antwort darauf deutet sich an, wenn Mutter Sani in einem Moment der Selbstreflexion davon spricht, sie müssten „einfach die ganze Zeit liefern“ und mit ihren Worten einen seltsam bitteren Nachgeschmack hinterlässt.

Schließlich entsteht so das Bild einer Familie, welche immer mehr dem Sog der Social-Media-Welt verfällt und dadurch den Bezug zur Realität verliert. Auch die spektakulär dargestellten Fantreffen können nicht über Momente der Überforderung oder Einsamkeit hinwegtäuschen. Doch diese Seite findet in den Sozialen Medien keinen Platz. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die jungen Follower*innen von Leonie nicht die übermüdete, gestresste Version des Mädchens zu sehen bekommen, sondern ihr fröhlichstes, schönstes Lächeln. Aus dieser Perspektive wirkt ihr Leben perfekt – ein Mechanismus, der fatale Folgen hat, nicht nur für ihre jungen Fans. 

So nimmt Leonie mit ihrem Content insbesondere junge weibliche Follower*innen für sich ein, die sie um ihren Körper, ihre Kleidung oder ihre Bekanntheit beneiden. Eine davon ist die dreizehnjährige Melanie, die sich nichts sehnlicher wünscht, als ihr Idol endlich kennenlernen zu dürfen. Dieser Wunsch stellt sich jedoch spätestens dann als problematisch heraus, wenn Melanie in Panik gerät, weil sie nicht mehr auf ihre aufwendig gepflegte Fanpage für Leonie zugreifen kann. Die Clips, in denen sich das Mädchen immer weiter in illusorische Vorstellungen verstrickt, demonstrieren die Tragweite einer verzerrten Medienrealität, die gefährliche Auswirkungen auf das Leben und die psychische Gesundheit der (zumeist sehr jungen) Betroffenen haben kann. 

Der Eindruck, dass auch eine eigene Modelinie oder ein Haus mit Pool nicht über die Schattenseiten des Influencer*innen-Daseins hinwegtäuschen können, hält sich angesichts der stillen, traurigen Momente des Films hartnäckig. Beeindruckend dabei ist, dass Regisseurin Meures es schafft, ein Verständnis für die harte Arbeit von Leonie und ihren Eltern hinter den zahlreichen Postings und Presseterminen herzustellen, ohne dabei die Herausforderungen zu vernachlässigen, welche dieses Leben für alle Beteiligten mit sich bringt.  

Letztendlich sind es gerade die ungefilterten, ungeschönten Szenen von Girl Gang, welche für Irritationen sorgen und Momente des Innehaltens einfordern, um das Gesehene – vielleicht auch mit Blick auf das eigene Mediennutzungsverhalten – zu reflektieren und zu verarbeiten. Schließlich gilt es, die offen gebliebenen Fragen zum Anlass zu nehmen, um einen kritischen Blick auf die Rolle und Bedeutung der Sozialen Medien für das Aufwachsen junger Menschen zu werfen und Ansatzpunkte herauszuarbeiten, wie eine zeitgemäße medienpädagogische Praxis auf die hier aufgezeigten Herausforderungen reagieren kann.  

 

Frei, C. (Produzent), Meures, S.R. (Produzentin und Regie) (2022). Girl Gang [Dokumentarfilm]. Schweiz, Rise and Shine Cinema. 

 

Weiterführende Informationen zum Film

 

Lisa Melzer


Beim Dokfest.München feierte der Film am 5. Mai 2022 seine Deutschlandpremiere und gewann den kinokino Publikumspreis von 3sat und dem Bayerischen Rundfunk. Regulär startet der Film am 20. Oktober 2022 in den deutschen Kinos.


Header- und Teaserbild: © Christian Frei Filmproduktionen

(bearbeitet mit Canva)


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Herausgeber*in

Kathrin Demmler | Prof. Dr. Bernd Schorb
JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

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