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Jugendmedienschutzindex 2022 - Befunde, Handlungsbedarfe und Zukunftsperspektiven

Die Pandemie hat, wie kaum ein anderes Ereignis zuvor, die Bedeutung der Digitalisierung für unsere moderne Gesellschaft in den Mittelpunkt gerückt. So hat die Krise gezeigt, wie selbstverständlich digitale Medien zum Alltag von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen dazugehören und in allen Lebensbereichen eine zentrale Rolle spielen. Aus diesem Grund ist es auch nicht verwunderlich, dass insbesondere Heranwachsende seit Pandemiebeginn erheblich mehr Zeit im Internet und den Sozialen Medien verbringen, wie einschlägige Studien nahelegen (mpfs 2020/2021, DAK-Gesundheit 2022). Dabei machen sie eine Reihe von Online-Erfahrungen und kommen somit auch deutlich häufiger mit problematischen oder gefährlichen Inhalten in Berührung.  

Dies ist nur ein Ergebnis des Jugendmedienschutzindex 2022 der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Dienstanbieter (FSM e.V.)., für die insgesamt über 800 Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 16 Jahren und ihre Eltern im Zeitraum von März bis Mai 2022 befragt wurden. Ziel der repräsentativen Studie war es, zu untersuchen, wie der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor negativen Online-Erfahrungen in den Sorgen, Einstellungen, Fähigkeiten und dem Handeln von Eltern und den Heranwachsenden selbst verankert ist, um daraus Erkenntnisse und Impulse für die Weiterentwicklung des Jugendmedienschutzes im Online-Bereich gewinnen zu können. 

Die Ergebnisse zeigen, dass die Unsicherheiten und Ängste von Eltern im Hinblick auf Online-Risiken im Vergleich zur Befragung von 2017 gewachsen sind. So äußern etwa 77 Prozent der befragten Eltern Bedenken hinsichtlich der Online-Sicherheit ihrer Kinder. Im Vordergrund stehen dabei Kontakt- und Inhaltsrisiken (33 %), beispielsweise die Konfrontation mit Pornographie, Rassismus oder extremen Gewaltdarstellungen. Auch die Sorge um das zeitliche Ausmaß der Mediennutzung gewinnt bei den Eltern an Bedeutung, variiert jedoch stark in Abhängigkeit des Alters der Kinder.  

Hinsichtlich der Bewertung von Online-Risiken unterscheiden sich die Einschätzungen der Heranwachsenden von denen ihrer Eltern: So gibt etwas über der Hälfte der Kinder und Jugendlichen an, sich keine Sorgen in Bezug auf die Nutzung von Online-Medien zu machen. Mit Blick auf die andere Hälfte zeigt sich, dass im Gegensatz zu den Eltern weniger inhaltsbezogene Sorgen im Vordergrund stehen, sondern vor allem die Befürchtung, Opfer von Beleidigungen, Hassnachrichten oder Mobbing zu werden (34 %). Somit konzentrieren sich ihre Bedenken eher auf das Verhalten anderer Nutzer*innen. Die Tatsache, dass 43 Prozent der befragten Heranwachsenden angeben, bereits von Cybermobbing betroffen gewesen zu sein, untermauert die Notwendigkeit, Kinder und Jugendliche so früh wie möglich gegen riskantes Nutzungsverhalten zu wappnen und ihnen Strategien zur Bewältigung dieser Herausforderungen an die Hand zu geben.  

Darüber hinaus wurde auch die Beurteilung von Jugendmedienschutzmaßnahmen aus Elternsicht im Rahmen der Untersuchung in den Blick genommen. Mit Blick auf die Ergebnisse von 2017 lässt sich aus den Antworten der Eltern nach wie vor eine hohe Wertschätzung des Jugendmedienschutzes ablesen. So bescheinigen 73 Prozent der Eltern Schulen, Einrichtungen der Freiwilligen Selbstkontrolle und Aufsichtsbehörden eine (sehr) gute Verantwortungswahrnehmung.  Zudem sehen 92 Prozent der Eltern sich selbst in der Pflicht, ihre Kinder vor Risiken und negativen Erfahrungen im Netz zu schützen, betonen aber die Mitverantwortung von Medienanbieter*innen und der Politik. Insgesamt schreiben Eltern besonders (Alters-)Kennzeichnungen von Online-Angeboten (72 %) und entsprechenden Angeboten zur Information und Aufklärung von Heranwachsenden über Online-Risiken eine hohe Bedeutung zu (69 %). Technische Maßnahmen werden dabei sowohl von den befragten Erwachsenen als auch den Kindern vor allem für jüngere Altersgruppen als sinnvoll eingestuft (78 %). 

Darüber hinaus wurden im Rahmen der Studie auch die Selbst- und Fremdeinschätzungen der Heranwachsenden und ihrer Eltern im Hinblick auf ihre Online-Kompetenzen abgefragt.  Überraschend ist, dass sich die Einschätzungen der beiden Gruppen kaum voneinander unterscheiden. Die Fähigkeit, mit negativen Online-Erfahrungen umzugehen, bewegt sich im Bereich mittel bis gut und wird höher geschätzt, je älter die Kinder sind. Das gilt sowohl für die Selbsteinschätzung der Kinder als auch für die Einschätzung durch die Eltern. Interessant ist außerdem, dass die Heranwachsenden ihre Bewältigungsfähigkeiten durchgängig etwas höher einschätzen als ihre Eltern.  So zeigt sich, dass Heranwachsende ab etwa 13 Jahren ihre eigenen Kompetenzen, mit negativen Online-Erfahrungen fertig zu werden, im Durchschnitt etwas besser einschätzen als die Unterstützungsfähigkeiten der Eltern. 

Im Vergleich zum Jugendmedienschutzindex von 2017 wird deutlich, dass der freie Zugang zu Online-Medien den befragten Eltern und Heranwachsenden trotz einer überwiegend schutzorientierten Grundhaltung deutlich wichtiger geworden ist. Insgesamt hebt die Untersuchung jedoch hervor, dass gerade die Altersangemessenheit der Schutzaktivitäten für Eltern eine Herausforderung darstellt, da die Abwägung zwischen Schutz und Teilhabe zu Spannungen und Konflikten im Erziehungshandeln führen kann. 

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Studie eine wertvolle Grundlage für die Weiterentwicklung des Jugendmedienschutzes darstellt, da sie sowohl Stärken derzeitiger medienpolitischer Bestimmungen als auch wesentliche Verbesserungsbedarfe offenlegt, die es zu berücksichtigen gilt, wenn bisherige Maßnahmen noch stärker als zuvor an den Bedürfnissen und Bedarfen von Heranwachsenden und ihren Familien ausgerichtet werden sollen. So legt die Untersuchung die Dringlichkeit nahe, bisherige Aktivitäten des Jugendmedienschutzes zu überprüfen und über neue Vorgehensweisen und Lösungen nachzudenken, welche die Schutz- und Teilhaberechte von Kindern und Jugendlichen angemessen berücksichtigen. Da sich dies nur dann realisieren lässt, wenn Eltern und Heranwachsende selbst in ihrem alltäglichen Medienumgang Risiken erkennen, braucht es fundierte Informations- und Aufklärungsangebote, welche Familien beim Umgang mit onlinebezogenen Herausforderungen und Risiken unterstützen. 

 

Zu den Studienergebnissen

 

Weitere Informationen zum Jugendmedienschutzindex

 

Lisa Melzer


Die Studie wurde von der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Dienstanbieter (FSM) initiiert und vom Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI) und dem JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis durchgeführt.

Erstmals lagen mit dem Jugendmedienschutzindex 2017 dazu empirische Ergebnisse vor. 


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Herausgeber*in

Kathrin Demmler | Prof. Dr. Bernd Schorb
JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

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