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Buchrezension: 'Ich bin kein Dummes Buch'

Ich helfe dir, von deinem Smartphone loszukommen (zumindest für eine Weile).

Achtung! Das Buch ‚Ich bin kein Dummes Buch‘ von Ole Kretschmann und Robin Bachmann könnte man mit dem eigenen Smartphone verwechseln. Bereits ein Blick auf das Cover und die erste Seite genügt, um den Leser*innen bewusst zu machen: Das ist kein gewöhnliches Buch und möchte dies auch nicht sein. Das Format ähnelt dem eines Smartphones, sodass es praktisch in der Tasche verstaut werden kann. Es erscheint ein kleines Inhaltsverzeichnis, das Ähnlichkeiten zu einem Homescreen aufweist. Der Aufbau der einzelnen Kapitel orientiert sich am Muster einer App. Mit unterhaltsamen Elementen, Spielen, Rätseln, Notiz-Buch, Chat- und Dating-Apps, Computerviren und Kochrezepten sowie Informationen zu den positiven und negativen Aspekten des Smartphones regt das Buch die Leser*innen zum Nachdenken an und lädt diese zum aktiven Mitmachen ein. Die Spiele werden in einem eigenen Kapitel aufgeführt. Hier gibt es zum Beispiel ein Character Design, bei dem der*die Leser*in verschiedene Figuren seiner*ihrer Wahl zeichnen soll, ein Streichholzrätsel und ein Spiel namens Braintrain, welches das logische Denken fördern soll. Die verschiedenen Informationen zu den einzelnen Themenbereichen, beispielsweise zu den Begriffen ChatbotPaper Dating und Love Speech finden sich stets zu Beginn eines Kapitels. 

Ein Chatbot (Chat-Roboter) ist ein Software-Programm, welches mit Menschen kommuniziert und heute oft im Bereich der Kundenberatung Anwendung findet. Ob man als Nutzer*in mit einem echten Menschen oder einem Roboter kommuniziert, kann dabei häufig nicht unterschieden werden. Der*die Leser*in wird in ‚Ich bin kein Dummes Buch‘ dazu aufgefordert, dem Chatbot einige Fragen zu beantworten. Er*sie kann dies jedoch auch verweigern. Mit Hilfe des Chatbots hat man außerdem die Möglichkeit, eine kreative Kurzgeschichte zu verfassen. Ist ein Teil abgeschlossen, erkundigt sich der Chatbot erneut ob der*die Leser*in die Geschichte fortführen möchte – falls nicht – so ist es ihm jederzeit möglich, auszusteigen.

Im Kapitel zum Paper Dating geht es um Dating Profile im Internet. Zunächst gehen die Verfasser auf Online Dating-Apps ein, über die sich die Nutzenden freiwillig der Beurteilung von fremden Menschen aussetzen. So lädt man zum Beispiel persönliche Bilder hoch, um sich von seiner besten Seite zu zeigen. Gibt das Gegenüber ein Like ab, generieren Algorithmen auf Basis personenbezogener Daten sogenannte Matches. Die Verfasser verweisen an dieser Stelle auf Studien, welche bewiesen haben, dass diese Art der Selbstinszenierung und der Versuch einem Idealbild zu entsprechen, dazu führen kann, dass Nutzende mit ihrem eigenen Körper unzufrieden sind. Im Extremfall kann dies zu psychischen Problemen führen. Beim im Buch vorgeschlagenen Paper Dating kann der*die Leser*in verschiedene Zettel mit Sprüchen ausschneiden und diese jemandem überreichen, den sie*er interessant findet, eine Art „Live-Tindern“ also, zu dem etwas mehr Mut gehört, als stundenlang durch die Bilderflut von möglichen Partner*innen zu „swipen“ und dabei Online-Nachrichten zu versenden. 

Im Kapitel Love Speech wird dem*der Leser*in bereits im ersten Satz bewusst worum es geht: „Jede positive Stimme ist eine Stimme für die Schönheit der Welt.“ Es widmet sich der Hassverbreitung im Internet und der Love-Speech Bewegung, die dieser Entwicklung entgegenwirken und das Internet so zu einem freundlicheren Ort machen möchte. Hierfür wurde ein Leitfaden für den*die Leser*in entworfen, damit er*sie an einer kultivierten und respektvollen Diskussion teilnehmen kann. Darüber hinaus, wird empfohlen, schöne Worte als Kontrapunkt zu Hass und Hetze einzusetzen.

Ziel des Buchs ist es, dass der*die Leser*in das Smartphone zur Seite legt, sich wieder mehr in die Offline-Welt wagt und sich konzentriert einer Sache widmet. Einer der Autoren, Robin Bachmann, ist selbst erst 15 Jahre alt. Der Titel kann daher als eine Anspielung darauf verstanden werden, dass in der Generation Z im Durchschnitt nur noch relativ wenig gelesen wird. 

Durch seinen spielerischen Ansatz wirkt das Buch humorvoll und regt den*die Leser*in dazu an, über sein*ihr eigenes Smartphone-Verhalten nachzudenken. Besonders Kinder und Jugendliche können sich somit sehr gut mit dem Inhalt des Buchs identifizieren. Das Buch wird für Leser*innen ab 13 Jahren empfohlen. Geeignet ist es aufgrund seiner vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten aber für die gesamte Familie. Neben klassischen Spielen und Rätseln gibt es eine Besonderheit: Augen- und Fingeryoga Übungen (Mudras), um diese von der Arbeit mit dem Smartphone zu entlasten. Zudem sind Wetterbeobachtungstipps Teil des Buchs. Es gibt also viel zu entdecken und zu lernen.

Besonders gelungen sind die Tipps zur sogenannten ‚Entgiftung‘ des Smartphones. Hier geben die Verfasser verschiedene Tipps, wie man seine exzessive Smartphone-Nutzung wieder in den Griff bekommen kann. Einige Ratschläge sind sehr hilfreich. Zum Beispiel wird empfohlen, alle Notifications abzustellen, öfter die Nase in echte Bücher zu stecken, bestimmte Apps, die viel Zeit rauben zu löschen, das Smartphone zur Konzentrationsförderung in einem anderen Raum abzulegen oder eine Armbanduhr zu tragen, um nicht ständig nach der Uhrzeit sehen zu müssen und damit auch andere Apps immer wieder zu öffnen. Denjenigen, die das Gefühl haben, dann immer noch nicht vom Smartphone loszukommen, wird geraten, Kontakt zu einer Vertrauensperson aufzunehmen oder sich professionelle Hilfe zu suchen. Hierzu wird in einem Hilfebereich auf Kontakte und Informationen zu den Bereichen Mobbing, Smartphone-Abhängigkeit und Privacy verwiesen.

Um sich kritisch mit der eigenen Smartphone-Nutzung auseinander zu setzen, ist ‚Ich bin kein Dummes Buch‘ gut geeignet, allerdings bleiben die Informationen meist sehr oberflächlich und führen nicht in die Tiefe. Die Rätsel sind sehr einfach gestaltet, zumindest kommt man als Erwachsener äußerst schnell auf die richtige Lösung. Das Kapitel zum Paper Dating wirkt mit seinen Sprüchen teilweise etwas aufgesetzt. Sollte es nicht normal sein, andere Menschen im echten Leben um ein Treffen zu bitten? Schließlich kann man nichts verlieren. Auch wenn dies im Internet einfacher ist und nicht allzu große Überwindung kostet, sollte man sich bewusst sein, dass dies auch heute noch einen gewissen Charme hat, für den es keine vorgefertigten Formeln benötigt. Die Idee, dass man schöne Worte gegen die Hetze im Internet anwendet ist zwar sehr gut gemeint, allerdings ist dies leichter gesagt als getan, wenn man online schwerwiegend beleidigt wird. 

Zu Beginn des Buchs heißt es: „Die folgenden 106 Seiten könnten dein Leben verändern!“ Fraglich ist, ob das Buch allein dazu fähig ist. Denn zu einer reflektierten Mediennutzung gehört mehr. Das Buch kann jedoch einen ersten wichtigen Anstoß für eine Veränderung geben.

Kretschmann, Ole / Bachmann, Robin (2020). Ich bin kein Dummes Buch. Ich helfe dir, von deinem Smartphone loszukommen (zumindest für eine Weile). Berlin: Pretty Analog. 112 S., 12,95 Euro.

Isabelle Schlecht

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Headerbild: Nick Youngson I Picserver

Teaserbild: Mohamed Hassan I Pixabay


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Herausgeber

Kathrin Demmler | Prof. Dr. Bernd Schorb
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