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Erzählen gegen das Vergessen

Zwei beeindruckende Interviews mit Holocaust-Überlebenden sind als Bücher erschienen. Sie sind ein mahnender Appell an die nachkommende Generation.

Esther Berjarano und Margot Friedländer verbindet eine gemeinsame Mission: Der Kampf gegen das Vergessen. Beide erlebten die unvorstellbaren und grausamen Verbrechen der Nationalsozialist*innen. In zwei unabhängig voneinander entstandenen Interviews, die nun als Bücher erschienen sind, erzählen sie davon. Beide Gespräche sind Plädoyers gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus, Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Darin wenden sich die beiden Frauen auch explizit an die heranwachsende Generation.

„Man sollte viel mehr in Schulen darüber sprechen, was es bedeutet, sich menschlich zu benehmen. Schon die jungen Kinder verachten Mitschüler, die anders sind als sie“, sagte Margot Friedländer im Sommer 2021 im Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer SE Mathias Döpfner. Dieses Interview ist nun in dem Band ‚Ihr müsst vorsichtig sein‘ erschienen. Bereits 2008 veröffentlichte Friedländer ihre Erinnerungen in dem bewegenden Buch ‚Versuche, dein Leben zu machen. Als Jüdin versteckt in Berlin‘. „Ich bin sofort eingeladen worden, um in Schulen, Buchläden und bei vielen Organisationen in Deutschland Lesungen zu geben. Das Interesse hat mich gepackt. Dass die Menschen es hören wollten. Dass ich ihnen etwas geben kann“, erinnert sich Friedländer. Geboren wurde sie im November 1921 als Margot Bendheim in Berlin. Während der Schoa verlor sie ihren Vater, ihre Mutter und ihren Bruder im Konzentrationslager Auschwitz. Nach wechselnden Verstecken wurde sie von ‚Greifern‘ (Anmerk. d. Red. Jüd*innen, die im Auftrag der SS andere Jüd*innen aufspüren und ausliefern sollten) gefunden. Sie wurde ins KZ Theresienstadt deportiert. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann Adolf Friedländer kennen. Beide überlebten das Vernichtungslager und wanderten 1945 in die USA aus. Nach dem Tod ihres Mannes und einigen Jahren ‚Probewohnen‘ beschloss sie 2010 wieder nach Berlin zurückzukehren.

Enttäuscht zeigt sich Friedländer im Austausch mit Döpfner über den wachsenden Antisemitismus in Deutschland: „Ich sage den Schülern oft: Man hat nicht nur sechs Millionen Juden umgebracht, sondern auch viele andere wunderbare Menschen. Deutsche und Christen. Und das nur, weil sie anders gedacht haben. Eure Leute, eure Menschen haben es getan, weil sie Menschen nicht als Menschen anerkannt haben. Vergesst das nicht. Wenn wieder so etwas passiert, könntet ihr dran sein.“ Nachhaltig bewegt zeigt sich Friedländer deshalb von ihrer Begegnung mit dem Fußball-Nationalspieler und Spieler des FC Bayern München, Leon Goretzka, im November 2020: „Wir hatten ein wunderbares Gespräch.“ Goretzka äußerte ZEIT-Online zufolge nach dem Gespräch: „Die Kernaussage, die sie mir mitgegeben hat, war, dass wir die Zeitzeugen sein müssen, die es bald nicht mehr geben wird, indem wir diese Botschaften weitertragen und auf die Agenda bringen, damit so etwas nie wieder passiert.“

Im Vorwort zum Buch ‚Nie schweigen‘schreibt Goretzka wiederum: „Bücher wie das von Esther Bejarano sind von unfassbarem Wert, weil sie uns daran erinnern, zu welchen Taten Menschen imstande sind.“ Seine Zeilen würden Esther Bejarano (1924–2021) sicherlich aus der Seele sprechen. Zeit ihres Lebens kämpfte sie gegen das kollektive Vergessen. Im Juli 2021 verstarb sie mit 96 Jahren. Doch sie hinterlässt ein Vermächtnis: Vier Wochen vor ihrem Tod gab sie ihr wohl letztes Interview. Nun wurde es als kommentierter Band veröffentlicht. Zu lesen sind darin mahnende und berührende Worte, die sie als Botschaften vor allem an Jugendliche und junge Erwachsene richtet. Zeit ihres Lebens kämpfte Esther Bejarano gegen das kollektive Vergessen. Sie suchte immer den Dialog zur jungen Generation, so auch mit dem 18-jährigen Studenten Kay Moritz Ebbinghaus und dem 16-jährigen Auszubildenden Florian Bessel. Die beiden Jugendlichen aus Bochum besuchten Bejarano zusammen mit dem Journalisten und Autor Sascha Hellen in Hamburg. Mit ihnen sprach sie etwa über die deutsche Erinnerungskultur, die Geschichte des Nationalsozialismus oder die gegenwärtigen Rassismus-Probleme in Deutschland. „Ich kann nicht verstehen, warum Menschen andere Menschen hassen“, sagte sie. Diesen Hass hat sie selbst erfahren müssen. Mit 18 Jahren wurde sie ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verschleppt: „Der größte Friedhof der ganzen Welt.“ Als Musikerin spielte sie im Mädchenorchester, während Menschen in die Gaskammer geschickt wurden, Insassen auf die Felder zogen oder ausgezehrt von der harten Arbeit zurückkehrten. „Das hat einfach alles übertroffen, es war echt die Hölle!“, erinnerte sie sich. „Wir konnten nicht aufhören zu spielen, weil hinter uns die SS stand mit ihren Gewehren. Hätten wir nicht gespielt, hätten sie uns abgeknallt.“

Die Musik rettete ihr das Leben und gab ihr die Kraft, das Grauen zu verarbeiten. Nach dem Krieg studierte sie in Tel Aviv Gesang. Sie sang mit Harry Belafonte und dem Liedermacher Konstantin Wecker. 2009 veröffentlichte sie ihr Album ‚Par La Vita‘.

Noch als über 90-Jährige stand sie auf der Bühne mit der Kölner Hip-Hop-Band MicrophoneMafia, die Jüd*innen, Christ*innen und Moslems vereint. Bei den fast über 900 Konzerten, insbesondere in nationalen und internationalen Schulen, warb sie für das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen. Bejarano war es ein Anliegen, jungen Menschen zu vermitteln, dass sich das dunkelste Kapitel der Geschichte nicht wiederholen dürfe. „Viele Leute haben mitgemacht und haben sich gar nicht darum gekümmert. Das darf nicht mehr sein. Es darf nicht mehr geschwiegen werden!“ Im Gespräch mit Kay Moritz Ebbinghaus und Florian Bessel gibt sie der nachkommenden Generation daher eine Botschaft mit auf den Weg: „Ihr habt keine Schuld an dem, was damals geschah. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nicht wissen wollt, was damals geschah.“

Das Interview wird umrahmt von kurzen Texten zu Bejaranos Biografie und von einem Interview mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, ergänzt. In Fußnoten sind die wichtigsten Begriffe verständlich erklärt. Daher eignet sich das Buch bereits als Lektüre ab dem Jugendalter.

Bejarano hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, dass Jugendliche erfahren, was damals geschah. Das dunkelste Kapitel der Geschichte soll sich nicht wiederholen.Nie schweigen‘ ist ein eindringlicher Appell, den Bejarano den nachkommenden Generationen mit auf den Weg gibt: „Ihr müsst dann unsere Geschichte weitertragen, ihr müsst uns eine Stimme geben.“

 

Bejarano, Esther/Hellen, Sascha (2022): Nie schweigen. Ihr sollt die Stimme gegen das Vergessen sein, wenn wir nicht mehr da sind. Paderborn: Bonifatius Verlag, 14 €.

Döpfner, Mathias (Hg.) (2022): Ihr müsst vorsichtig sein. Zum 100. Geburtstag der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer. Ein Gespräch mit Mathias Döpfner. Berlin: Berlin Story Verlag, 16,95 €.

Friedländer, Margot/Schwerdtfeger Malin (2022): Versuche, dein Leben zu machen. Als Jüdin versteckt in Berlin. 13. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 10,00 €.

Auftritte von Esther Bejarano bei ihren Auftritten mit der Band „Microphone Mafia“:

https://www.microphone-mafia.com/

https://www.youtube.com/channel/UC0I0aoaO7K41OjwjaGBk2TQ?view_as=subscriber

Bericht über das Treffen von Margot Friedländer mit Leon Goretzka:

https://fcbayern.com/de/news/2020/12/leon-goretzka-trifft-holocaust-ueberlebende-margot-friedlaender

 

Heinrike Paulus


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Herausgeber*in

Kathrin Demmler | Prof. Dr. Bernd Schorb
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