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Erzählen im Internetzeitalter - Buchrezension zu 'The Narrative Subject'

Die Veröffentlichung eigener Geschichten ist durch Soziale Medien inzwischen bei Vielen Teil des Alltags. Diese narrativen Elemente dienen etwa dazu, Freund*innen und Bekannte über Erlebnisse zu informieren und ermöglichen es beispielsweise Blogger*innen und Influencer*innen sogar, auf diese Weise ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die kommunikativen Praktiken in Wort und Bild von Netzwerkakteur*innen aus vier arabischen und sechs europäischen Ländern und den USA sowie deren Antworten bei der Studie ‚Kommunikative Öffentlichkeiten im Cyberspace‘ zeigen, was Jugendliche und junge Erwachsene heutzutage beschäftigt. Der zugehörige Band von Christina Schachtner zur Sekundärauswertung der Studie wurde bereits 2015 auf Deutsch publiziert und erschien dieses Jahr auf Englisch.

Schachtner geht zunächst auf die zugrunde liegende Theorie und empirische Analyse ein. Für den empirischen Teil des Buches wurde die Grounded Theory gewählt, bei der aus den Daten heraus Theorie abgeleitet wird. Die Forschungsmethoden setzten sich aus dem thematisch strukturierten Interview und der Visualisierung zusammen. Letztere beschäftigte sich unter anderem mit dem Wechsel zwischen Plattformen. Die gezeichneten Beiträge der Befragten werden unter Angabe von Geschlecht, Alter und Herkunft der jeweiligen Blogger*innen beziehungsweise Netzakteur*innen eingebunden und geben so interessante Einblicke in deren Gefühlswelt. So zeigt etwa die Skizze eines 26-Jährigen aus Saudi-Arabien, dass er sich gleichzeitig als empfangs- und sendebereit sieht. Das Sample bildeten elf weibliche und zehn männliche Netzwerkakteur*innen und Blogger*innen zwischen elf und 32 Jahren der Generation Y. Das Sample der oben genannten Studie bestand aus 33 Teilnehmenden.

Im Folgenden beschäftigt sich die Autorin mit dem Erzählen von Geschichten als kulturelle Praxis und Lebensform. Dabei stellt sie eine Beziehung zwischen Erzählen, Zeit sowie Raum her und betrachtet die Funktionen des Erzählens für die*den Einzelne*n als Konstruktion des Selbst, aber auch unter Berücksichtigung der Rolle der Anderen sowie sozialer Normen. Auch der Einfluss digitaler Medien wird berücksichtigt, da sich durch deren Beschaffenheit andere Auswirkungen auf das Erzählen ergeben. Neben den erzählten Geschichten an sich wird ergründet, inwiefern diese im Zusammenhang zum gesellschaftlich-kulturellen Wandel stehen, also etwa zu Enttraditionalisierung oder Entgrenzungen. Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass dieser Wandel von den Blogger*innen und Netzakteur*innen thematisiert wird und diese ihn beispielsweise reflektieren und ihm etwa mit alternativen Lebensweisen oder Werten begegnen.

Bei der Auswertung der Studie gelingt es Schachtner, sechs Typen von Geschichten zu differenzieren: Geschichten zu Vernetzung (narrations about interconnectedness), zu Selbstinszenierung (self-staging narrations), von Händler*innen und Verkäufer*innen (stories about supplying and selling), zu Grenzmanagement (narrations about managing boundaries), zu Verwandlungen (transformation narrations) sowie zu Auf- und Ausbruch (stories about setting out and breaking away). Die Befragten beschäftigen sich also etwa mit der Außenwelt und wollen mit anderen Netzwerkakteur*innen in kommunikativen Austausch treten und ihnen beispielsweise ihr Land und ihre Kultur zeigen. Andere stellen sich selbst in den Mittelpunkt ihrer Geschichten, was in dieser Studie nur bei europäischen Befragten der Fall war. Wieder andere testen und rezensieren Produkte oder Projekte, im Fall eines 14-Jährigen etwa Taschenlampen, Smartphones und Bleichprodukte für die Zähne. Bei Geschichten zum Grenzmanagement nehmen äußere und innere Grenzen der Befragten die zentrale Rolle ein, sie trennen zwischen Öffentlichem und Privatem. So sieht sich eine 27-Jährige mit arabischen gesellschaftlichen und kulturellen Grenzen und damit Gesprächstabus zu bestimmten Themen konfrontiert und eine 19-jährige Österreicherin verbildlicht ihren Versuch, ihre Privatheit zu erhalten. Bei Heranwachsenden macht Schachtner Verwandlungsgeschichten aus, die sich mit dem Wechsel von Lebensphasen und somit unter anderem ihren Gefühlen auseinandersetzen. Die letzte Kategorie, die Geschichten zu Auf- und Ausbruch, umfasst ebenfalls einen Wandel. Die Akteur*innen denken zukunftsorientiert und wollen etwa neue Wege einschlagen.

Das Buch ist für Leser*innen geeignet, die sich für das alltägliche Erzählen im Zusammenhang mit globalen Veränderungen und Einflüssen interessieren. Es werden Einblicke in die Online-Welt und die dort erzählten Geschichten von Heranwachsenden und jungen Erwachsenen geboten, die helfen könnten, deren Handeln zu verstehen. Dabei sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass Interviews zur Studie bereits vor knapp zehn Jahren geführt wurden und sich seitdem beispielsweise durch das Aufkommen neuer digitaler Medien und spezifischer Erzählformen Veränderungen ergeben haben könnten. Als besonders interessant gestalten sich die Beiträge der Befragten aus den arabischen Ländern, die in den Interviews und durch die Visualisierungen die Möglichkeit erhalten, sich zu äußern.

The Narrative Subject ist hier als Open-Access-Buch erhältlich.

 

Schachtner, Christina (2020). The Narrative Subject. Storytelling in the Age of the Internet. Cham: Springer International Publishing. 277 S., kostenlos.

Dana Neuleitner


Teaserbild: Tumisu | Pixabay

Headerbild: ASTERISK | Unsplash


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Herausgeber

Kathrin Demmler | Prof. Dr. Bernd Schorb
JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

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