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Call for Papers merzWissenschaft 2024

Ein interdisziplinäres Update

Die Mediatisierung und Digitalisierung der Alltagswelten bedeuten eine Entgrenzung des Medienhandelns. Damit ist es theoretisch und praktisch unmöglich, mit einem klassischen Medienbegriff abgegrenzte Teile von Lebenszeit (Fernsehzeit, Radiozeit, Internet-/PC-Zeit) zu erforschen und medienpädagogisch zu thematisieren. Medien, medienvermittelte Beziehungen und nicht-mediale Beziehungen laufen zusammen, On- und Offline-Handeln lassen sich vielfach nicht mehr trennen, das machen auch Begriffsbildungen wie ‚Bildhandeln‘ oder ‚Informationshandeln‘ deutlich. Gleichzeitig ist der Medienbegriff in der Formulierung und Ausgestaltung sowie der Anwendung zentraler Konzepte der Disziplin essenziell – etwa für die Bestimmung des Verhältnisses von Konzepten der Medienkompetenz zu Konzepten der Digitalkompetenz – und birgt Implikationen für Ziele und Methoden der (medien-)pädagogischen Praxis.

Der interdisziplinäre Blick über den Tellerrand kann hier dazu beitragen, unterschiedliche Facetten des Medienbegriffs wahrzunehmen: (1) Fundierte Theoriebezüge und Denkmodelle können helfen, Medien in ihren kommunikativen und vernetzenden Strukturen, als zentraler Bestandteil von Öffentlichkeit, als symbolhafte Phänomene, als technische Medien im weitesten Sinne (dies schließt Kulturtechniken ebenso ein) und in ihren Möglichkeiten zur Überwindung von Zeit und Raum zu betrachten (vgl. Winkler 2008). Hierzu gehört, dass die digitale Vernetzung die Abgrenzungen zwischen personalisierten, kollektiven und massenmedialen Öffentlichkeiten auflöst und neu zusammensetzt. Weiterhin sind Medien voraussetzungsvolle Zeichensysteme, die Codes hervorbringen und mit diesen arbeiten. Auch die Tendenz, dass Medien in ihrem Gebrauch unsichtbar werden und damit unhinterfragt bleiben, gerät so in den Blick (vgl. ebd.). Dabei gilt es zu reflektieren, dass mit diesen Dimensionen unterschiedliche Theorieund Denkmodelle (Semiotik, technische und anthropologische Perspektiven, Psychoanalyse, strukturtheoretische Diskurse etc.) angesprochen sind, die je nach medialem Phänomen ganz unterschiedlich und flexibel angewandt, erweitert oder angepasst werden müssen, um dem Charakter der jeweiligen Medien gerecht zu werden. Auch Felix Stalders Diskussion einer Kultur der Digitalität (2016) eröffnet mit den Dimensionen Algorithmizität, Referenzialität und Gemeinschaftlichkeit neue Perspektiven auf die Verbindung von Medien, Digitalisierung, Individuum, Gesellschaft und Kultur. Dies sind nur einige mögliche Perspektiven auf Medien und deren theoretische Betrachtungen.

Herausgefordert ist der Medienbegriff aber auch durch (2) konkrete aktuelle Phänomene des digitalen Wandels. Welcher Umgang mit beispielsweise KI-basierten Anwendungen und weiteren Phänomenen der digitalen Transformation ist als mediales Handeln zu begreifen? Zu welchem Medienbegriff wird hier Bezug genommen? Die Medien und der Medienbegriff werden komplexer. Durch die Mediatisierung des Alltags werden digitale Medien in vielen Bildungsbereichen eingesetzt, gleichzeitig widmet sich auch die Medienpädagogik anderen Bildungsbereichen. Was heißt das für die Medienpädagogik als Disziplin? Welchen Wert haben spezialisierte medienpädagogische Einrichtungen weiterhin, worin besteht der Mehrwert gemeinsamer Konzepte?

Es ist nicht nur das Verhältnis Medien – Subjekte mit Herausforderungen belegt, sondern auch das Verhältnis Medien – Gesellschaft. In der Medienpädagogik wird traditionell stark auf einen Medienbegriff rekurriert, der seine gesellschaftliche Relevanz unter anderem im Herstellen von Öffentlichkeit in einer demokratisch verfassten Gesellschaft begründet.

Vor dem skizzierten Hintergrund und für eine Standortbestimmung der Medien und des Medienbegriffs für die (medien-)pädagogische Praxis freuen wir uns über Beiträge, die sich beispielsweise mit folgenden Fragen beschäftigen:

  • Erfüllen „Medien“ als Vermittler heute eine andere gesellschaftliche Funktion? Wie hat diese sich verändert?
  • Über aktuelle Medien entstehen neue Öffentlichkeiten – aber auch Individualisierung – was ist hier bedeutsam?
  • Medien sind digital, aber nicht alle digitalen Systeme sind Medien. Wo verläuft hier die Grenze?
  • Wie setzen sich Individuum und Gesellschaft in Bezug zu diesen neueren Medienentwicklungen, Technologien und Öffentlichkeiten und wie werden Individuum und Gesellschaft gleichsam von den „Medien“ adressiert?
  • Wie werden Medien und digitale Öffentlichkeiten in pädagogischen Kontexten in den Blick genommen? Auf der Inhaltsebene, als informatische Systeme, als technische Artefakte, als mediale oder soziale Strukturen und Räume, als ökonomische oder gar para-staatliche Gebilde?
  • Wie gelingt es, Medien und digitale Öffentlichkeiten in ihren vielfältigen Verflechtungen zwischen Individuum, Gesellschaft und Umwelt zu betrachten? Wie können Medien und digitale Öffentlichkeiten als Umwelten oder als Erweiterungen von Individuum, Gesellschaft und Natur gedacht werden?

Eine fundierte Weiterentwicklung der Medienpädagogik benötigt einen adäquaten Medienbegriff. Das geplante Heft geht der Frage nach, welche Vorstellungen von Medien, Medienhandeln (in seinen neuartigen Dynamiken und Erscheinungsformen) und digitalen Öffentlichkeiten in der Medienpädagogik und ihren Nachbardisziplinen aktuell diskutiert werden, und ruft zur (Weiter-)Entwicklung eines Medienbegriffs auf, der es erlaubt, gesellschaftlich relevante Erkenntnisse zu generieren, Handlungsbedarfe zu identifizieren und Erkenntnisse in die (medien-)pädagogische Praxis zu transferieren, die den Sichtweisen der Subjekte Rechnung tragen.

Um die Frage nach einem geeigneten Medienbegriff zu diskutieren, sucht die Medienpädagogik den Austausch mit ihren Nachbardisziplinen, allen voran den Kommunikations- und Medienwissenschaften, aber auch der Soziologie, Politikwissenschaft und Philosophie, den Rechtswissenschaften sowie der informatischen Bildung und weiterer Technologiewissenschaften.

Erwünscht sind theoretische und empirische Beiträge, die Hinweise auf Anforderungen und Bestimmungsstücke eines aktuell angemessenen Medienbegriffs und damit zusammenhängende Fragestellungen geben können und den Medienbegriff diskutieren sowie Hinweise für die (medien-)pädagogische Praxis liefern.

Abstracts mit einem Umfang von max. 6.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) können bis zum 08. Januar 2024 bei der merz-Redaktion (merz@jff.de) eingereicht werden. Formal sollen sich die Beiträge an den Layoutvorgaben von merz-Wissenschaft orientieren, die unter www.merz-zeitschrift.de/manuskriptrichtlinien verfügbar sind. Der Umfang der Zeitschriftenbeiträge sollte eine max. Zeichenzahl von ca. 35.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) nicht überschreiten. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Susanne Eggert, Fon: +49.89.68989.152, E-Mail: susanne.eggert@jff.de

 

Termine im Überblick:

  • 08. Januar 2024: Abgabe der Abstracts an merz@jff.de
  • 29. Januar 2024: Entscheidung über Annahme/Ablehnung der Abstracts
  • 15. Mai 2024: Abgabe der Beiträge
  • Mai/Juni 2024: Begutachtungsphase (Doppelblind Peer-Review)
  • Juni/Juli 2024: Überarbeitungsphase (ggf. mehrstufig)
  • Ende November 2024: merzWissenschaft 2024 erscheint

 

Hier können Sie den aktuellen Call for Papers 2024 herunterladen


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