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SWIPE DES MONATS: Die KI geht um

Beobachtet man aufmerksam die Berichterstattung in den Medien, kommt man an den Meldungen über die Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz nicht mehr vorbei. Die Befürchtungen und Erwartungen sind groß: Die einen haben das Gefühl, Frankenstein ist Wirklichkeit geworden, die anderen sehen sich bereits den ganzen Tag in der Hängematte liegen, während die KI ihre Arbeit erledigt. Schon gibt es erste TikTok-Videos von Jugendlichen mit dem Titel Nie wieder Hausaufgaben. Da nützt es auch nichts, wenn der bayerische Kultusminister sich in Interviews gegen die Abschaffung von Hausaufgaben positioniert. Gegen die KI ist kein Kraut gewachsen.

Aber was kann diese KI eigentlich? Sie kann Gedichte schreiben, Einladungen verfassen, Bewerbungen entwerfen, Rechenaufgaben lösen oder eigene Bilder erzeugen. All das kann sie, denn sie weiß auf Grund von Wahrscheinlichkeiten, welches Wort am häufigsten auf das vorhergehende folgt, welche Kameraperspektive berühmte Fotograf*innen mutmaßlich wählen würden oder welche Diagnose für die Patient*innen bei der Analyse der Anamnese am wahrscheinlichsten erscheint.

Ja, alles ist berechenbar. Nur ich nicht. Nie steige ich an der Stelle in die U-Bahn ein, die mir bei der Ankunft am Zielbahnhof den kürzesten Weg zum Ausgang verschafft. Nie schaffe ich es, den sehr ordentlich geschriebenen Einkaufszettel der besten Ehefrau von allen fehlerfrei abzuarbeiten: Da landet nur einer statt der zwei notierten Hefewürfel im Einkaufwagen; das richtige Tonic Water mitzubringen habe ich erst nach fünf Anläufen geschafft; und mit der Großpackung Dinkelvollkornmehl bringe ich meine Frau zur Verzweiflung, die auch gerne einfach wieder mit Weizenmehl backen würde. Da lösche ich aus Versehen von der Festplatte die Serie Blindspot, da ich Blindensport gelesen habe und dachte, das wäre die alte Aufzeichnung des BR-Berichtes über unsere Fußball-Blindenreportage. Mein überaus schlechter Orientierungssinn führt mich auf immer neuen Wegen zu Orten, an denen ich zwar schon oft war, aber jedes Mal aufs Neue vergesse, wie ich hingekommen bin. Und mein - eigentlich nicht vorhandenes - Namensgedächtnis verhilft selbst langjährigen Kolleg*innen gerne zu ganz neuen Namen. Selbstverständlich bin ich auch in der Lage, unser Zeichensystem aus 26 Buchstaben entspannt ganz neu zu interpretieren; wer sich mit Wahrscheinlichkeiten auskennt weiß, welch unendliche Vielfalt es da gibt.

Manchmal bin ich auch von mir selbst überrascht, wie unberechenbar ich offenbar bin. Was ich bis jetzt als erhebliche Schwäche empfunden habe, entpuppt sich nun als Stärke. Ich bin für die KI nicht greifbar. Zugegebenermaßen auch für meine Umwelt und nicht selten auch für mich selbst. Aber es ist ein neues und durchaus erhebendes Gefühl zu wissen, dass ich von der KI nicht interpretiert werden kann. Wenn ich nachts wach liege und mir Heldengeschichten ausdenke, phantasiere ich seit geraumer Zeit häufig, dass ich der einzige Mensch auf dem Planeten bin, der sich der KI entgegenstellen kann. Obwohl meine Familie sich verzweifelt an mich klammert und nicht zur Weltenrettung aufbrechen lassen will, ziehe ich in die finale Schlacht, um die KI in einem dramatischen Showdown in die Knie zu zwingen. Mit letzter Anstrengung versucht die KI, ein berechenbares Muster in meinem Verhalten zu erkennen, aber ihre Rechenkapazität ist erschöpft und ihre Chips signalisieren durch weißen Rauch, dass sie sich geschlagen gibt. So habe ich für die Menschheit die Herrschaft über die Welt wieder zurückgewinnen können. Wenn auch zu dem Preis, dass alles nichts kalkulierbar ist. Aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Unberechenbarkeit das Leben spannend macht und viele unerwartete Begegnungen bereithält.

 

Klaus Lutz


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