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SWIPE DES MONATS: Mit einem Wisch ist alles weg – oder: Gib mir meinen Knopf zurück!

Die Benutzerführung von Geräten ist wie alles einem ständigen Wandel unterworfen. War zuerst die Tastatur die einzige Möglichkeit, in den Computer Daten einzugeben, kam irgendwann die Computermaus dazu, die - obwohl nur zwei Tasten und ein Rad - schon in der Nutzung für viel Verwirrung sorgen kann. Wer schon mal Computerkurse für Anfänger*innen geben hat, weiß sicher was ich meine - linke Maustaste, rechte Maustaste, Doppelklick, und dann hängt alles auch noch davon ab, in welchen Bereichen sich der Mauszeiger auf dem Bildschirm gerade befindet. Mit der Zeit folgten noch weitere Eingabemöglichkeiten wie z.B. Scanner, Tabletstift oder Spracheingabe. Besonders gewöhnungsbedürftig ist aber aus meiner Sicht der Touch-Screen eines IPads. Ist eine Tastatur am PC noch mit knapp 100 Tasten ausgestattet, von denen einige auch zweifach oder dreifach belegt sind, aber durch ihren Aufdruck klar eine Funktion zugewiesen haben, bietet der moderne Touch-Screen eines Tablets oder Handys (neben dem Einschaltknopf und den Lautstärketasten – davon mehr in einem anderen Swipe) quasi nichts – keine Taste, keinen Knopf und folglich überhaupt keine Orientierung. Im geputzten Zustand erkennt man nicht mal die Fingerspuren, die üblicherweise der/die Nutzer*in gleich einer über die Gartenterrasse schleichenden Nacktschnecke hinterlässt. Man hat einfach eine glatte schwarze Oberfläche vor sich, die wie ein Bergsee bei absoluter Windstille makellos zu sein scheint – außer dass sie gegebenenfalls das eigene, höchst ratlose Konterfei spiegelt. Schaltet man das Gerät ein, wird es etwas besser bzw. bunter: Farbige Appsymbole sind zu sehen, die darauf warten angestupst zu werden. Draufklicken, festhalten und schieben ist beispielsweise eine Option und schon geht die wilde Fahrt in der App los. So lässt sich Fenster um Fenster öffnen und man wischt sich fröhlich durch virtuelle Welten. Zieht man den oberen Rand des Bildschirms nach unten, öffnen sich andere Welten als beim Wischen von unten nach oben oder von rechts nach links oder gar von links nach rechts. So weit war das alles bislang auch kein Problem, denn sobald man sich im virtuellen Wald verlaufen hatte, gab es ja immer noch diesen einen Knopf, der einen wie eine Ereigniskarte bei Monopoly wieder auf Anfang zurücksetzte. Aber diesen Knopf, der so oft mein Rettungsanker war, wenn ich mich wieder einmal heillos verheddert hatte - mein Orientierungsvermögen in der virtuellen Welt ist leider kaum besser als das in der realen Welt -, den gibt es jetzt nicht mehr. Er wurde ersetzt durch eine Wischbewegung, die ich mir einfach nicht merken kann. Denn es kommt darauf an, wo man startet, wie weit man wischt und wann man leicht nach links abbiegen muss. Erschwerend kommt hinzu, dass meine Motivation, mir durch ständiges Üben diesen Move einzuprägen, gegen null geht und Trainieren im Übrigen auch nicht wirklich hilft, wenn man Tablets verschiedener Generationen nutzt oder nutzen muss, weil die Kita für das Medienprojekt preisgünstige Vorgängergeräte angeschafft hat.

Also mach ich es wie immer, wenn ich nicht weiterkomme. Ich gehe ins nächste Büro und fluche lautstark über diese doofe Benutzeroberfläche, bis sich eine Kolleg*in erbarmt und sich meines Problems annimmt. Dabei stelle ich mit zunehmender Befriedigung fest, dass auch meinen Kolleg*innen nicht immer der richtige Move gelingt, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Bei manchen werden die Bewegungen immer schwungvoller und gleichen fast den Figuren beim Eiskunstlauf. Anscheinend vergibt das Tablet Haltungsnoten beim Streicheln und ist erst bei einer 9,5 bereit, die gewünschte Funktion auszuführen. Um zumindest meine B-Note zu verbessern, übe ich jetzt immer und überall – vor allem, wenn ich nachts in der Küche am blank geputzten Cerankochfeld vorbeikomme.

Klaus Lutz


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