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SWIPE DES MONATS: Was ist eigentlich e-Sport?

Die Frage, ob e-Sport wirklich Sport ist oder nur ein meist jugendlicher Zeitvertreib, der nicht im Entferntesten etwas mit Sport zu tun hat, bleibt weiter ungeklärt. Auch wenn man sich mittlerweile darauf verständig hat, beides nicht ständig miteinander zu vergleichen, sondern dass beides seine Berechtigung hat, schwelt doch weiter der unterschwellige Vorwurf, dass das Daddeln an der Konsole oder am Handy kein bisschen mit den Leistungen von Sportler*innen zu tun hat, die mit Höchstgeschwindigkeit auf einer Tartanbahn sprinten oder 90 Minuten einem Fußball hinterherlaufen. Der Einwurf der e-Sport-Fans, Schach wäre doch auch ein anerkannter Sport, wird meist mit der Bemerkung abgespeist, dass jedes System mal einen Fehler macht, der jetzt leider nicht mehr zu beheben sei.

Aber vielleicht war man bislang nur zu phantasielos, wenn es darum geht, die beiden Welten miteinander zu vereinen. Heute auf meiner Shoppingtour konnte ich zwei junge Frauen beobachten, die in der Lage waren, in einem Einkaufzentrum ihren Einkauf zu erledigen und dabei unablässig ihr Handy zu bedienen. Äußerlich waren die beiden unschwer als Manga-Fans zu erkennen, was zunächst meine Aufmerksamkeit erregte. Beim zweiten Hinsehen fiel mir erst auf, dass jede der beiden im Laufen mit beiden Händen unablässig ihr Handy bediente. Neugierig geworden heftete ich mich an ihre Fersen um zu sehen, welche Inhalte beide auf dem Handy so spannend fanden. Beide bereiteten gerade auf Instagram einen Post von Bildern vor, die sie wohl erst vor kurzem bei Betreten des Einkaufszentrums von sich gemacht hatten. Sie setzten Filter ein, schnitten das Bild zurecht und fügten Text ein. Zwischenzeitlich wechselte die eine der beiden kurz auf WhatsApp um Nachrichten zu beantworten. Die Andere kaufte, ohne den Blick mehr als 5 Sekunden vom Handy abzuwenden, einen Kopfhörer und streifte dann mit ihrer Freundin weiter durch den Konsumtempel. Ich hatte zunächst noch kurz überlegt, ob ich mir von den beiden ein paar Tipps im Umgang mit Instagram geben lassen soll – ich fremdle immer noch ein wenig mit dieser Anwendung – entschied mich dann aber, die beiden nicht länger zu beobachten und widmete mic}h meinem eigentlichen Vorhaben, dem Kauf eines neuen Handys.

Auf dem Heimweg gingen mir die beiden nicht aus dem Kopf. Mit welcher traumwandlerischen Sicherheit sie sich im Einkaufszentrum durch die menschlichen Slalomstangen, Sitzgelegenheiten, Promotionstände und krabbelnde Kleinkinder bewegt hatten und gleichzeitig in der Lage waren, Inhalte für das Netz aufzubereiten und abzusetzen! Ich versuchte das kurz nachzumachen, scheiterte aber schon am ersten Hindernis, einem Abfallbehälter. Da wurde mir noch stärker bewusst, welche sportliche Höchstleistung die beiden erbracht haben. Um so eine Sportart, nennen wir sie mal Hindernislauf mit Handy, olympiareif zu machen, bedarf es sicherlich noch einiger Anpassungen der Regeln. So könnte man z. B. die Athlet*innen auf einer 5.000-Meter-Strecke im Stadion antreten lassen, auf der Bahn in unregelmäßigen Abständen Hindernisse aufstellen und den Athlet*innen die Aufgabe stellen, auf der Wegstrecke 10 Instagram-Posts und 5 TikTok-Videos abzusetzen und fünf Quizfragen zu beantworten, die sie per WhatsApp erhalten. Das Ganze könnte man auch noch interaktiv gestalten, indem z. B. das Publikum die Instagram-Posts bewerten oder per WhatsApp noch eine Zusatzaufgabe stellen darf.

Und da ist dann alles dabei, was Sport ausmacht: Bewegung, Konzentration, Wettkampf. Und vielleicht ließe sich für so eine innovative Sportart auch der Teil einer jungen Generation begeistern, die Sport grundsätzlich skeptisch gegenübersteht. Und wer glaubt, das sei doch ganz einfach machbar, soll es ruhig mal ausprobieren. Ich denke, spätestens nach 100 Metern ist Schluss. Wer es wider Erwarten schafft, möge die eigene Leistung bitte mit einem kleinen TikTok-Video dokumentieren.

Klaus Lutz

 


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Herausgeber*in

Kathrin Demmler | Prof. Dr. Bernd Schorb
JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

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