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Jan-Uwe Rogge: „Früher war‘s doch anders! Oder?“

    Zur Person

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    Interdisziplinärer Diskurs

    Medien vor 60 Jahren – Medien heute. Da ist vieles gleich geblieben und doch irgendwie alles ganz anders. Wir sind vernetzt, online und mobil, Medien sind immer und überall – und aus keinem Lebensbereich und keiner (humanwissenschaftlichen) Disziplin wegzudenken. merz, seit 60 Jahren Forum der Medienpädagogik, nimmt ihren Geburtstag zum Anlass, um dies im interdisziplinären Horizont zu erörtern. Wir fragten Kolleginnen und Kollegen verschiedenster Disziplinen: Was macht den Mehrwert medienpädagogischer Forschung und Praxis in der zunehmend mediatisierten Gesellschaft aus?

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    Erinnerungen und Gedanken eines Digital Immigrant

     

    - Als ich diesen Artikel konzipiert habe, kam die Nachricht, Moderator Peter Lustig, der Kinder mit seinen Sendungen, aber auch mich zu meiner Doktorarbeit – unter anderem über ‚Löwenzahn‘ und ‚Pusteblume‘ – begleitet hat, sei verstorben. Lustig war mit seiner Latzhose ein Aushängeschild, ein Symbol dafür, komplexe Sachverhalte auf einfache Art und Weise zu erklären, ohne auf unzulässige Weise zu vereinfachen. Er dachte vom Kind aus, hatte die Fähigkeit, sich in diese hineinzuversetzen. Er nahm den Satz des Pädagogen Pestalozzi ernst, der vor mehr als 240 Jahren formulierte, dass das Begreifen über das Greifen geht. Er führte eindringlich vor: Man muss hinter die Dinge schauen, neugierig sein, um Wirklichkeit zu begreifen, zu verstehen, geht doch jeder intellektuellen Erfahrung eine Körperliebe voraus. Lustig war nicht Freund, sondern Partner der Kinder: Ich bin nicht gleichrangig, ich bin älter. Aber er zeigte: Ich bin gleichwertig, ich erkläre euch die Wirklichkeit, indem ich von euch, euren Fragen und euren Denkweisen lerne. Für ihn gab es ein produktives Nebeneinander von medialer und unmittelbarer, erlebbarer Wirklichkeit. Unvergessen sein Schlusswort einer jeden Sendung: „Abschalten!“ Anders formuliert: „Geht raus und erobert eure Welt!“ Bei „Abschalten!“ fällt mir allerdings ein, was der ehemalige Kultusminister Mayer-Vorfelder Ende der 1970er-Jahre über die Medienerziehung formulierte: Er sagte sinngemäß, dass man die nicht brauche, da jedes Fernsehgerät doch einen Ausschaltknopf habe. So einfach kann man es sich machen. Die einen nehmen Kinder ernst, den anderen sind die Sorgen und Nöte der Eltern, die um die Faszination der Medien wissen, ziemlich egal.

     

    - Mein erster Beitrag für merz erschien 1980 und hieß Kinder filmen ihre Umwelt. Für alle Digital Natives: In dieser Zeit redete man über Videorecorder, darüber, welche Gefahren von diesem neuen (!) Medium ausgehen könnten. Horrorvideos waren in aller Munde, eine Vervielfachung des Medienkonsums. Medienpädagogische Fachkräfte schienen Suchtexpertinnen und -experten zu sein! Es war die Zeit, in der Marie Wynns Bestseller Die Droge im Wohnzimmer elterliche Alarmleuchten blitzen ließ. Und Neil Postmans Wir amüsieren uns zu Tode beschwor in eindringlichen Worten einen kulturpessimistischen Untergang abendländischer Kultur. Was diese Publikationen einte: Medien standen im Mittelpunkt, der Mensch, vor allem Kinder waren ihnen hilflos ausgeliefert. Bei mir aber standen Heranwachsende im Zentrum. Ich wusste, dass sie den Medien nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern eigenständige Persönlichkeiten, die begleitet und ernstgenommen werden wollen. Mein Ansatz war, das kreative Potenzial, das in den Medien schlummert, zu betonen. Und das kreative Potenzial hervorzuheben, das sich in Heranwachsenden verbirgt.

     

    - Erziehung – auch Medienerziehung – ist Beziehung. Erziehung hat nichts mit Ziehen zu tun. Ein indisches Sprichwort sagt: „Schau dem Grashalm beim Wachsen zu. Zieh nicht, damit es schneller wächst. Dann reißt du es raus!“ Erziehung stellt sich eben nicht nach dem Motto ‚je früher, desto besser‘ als Vorbereitung auf das Leben dar. Auf medienpädagogische Überlegungen angewendet: Hier gab (und gibt) es Ansätze, man muss (!) frühzeitig beginnen, um Kinder vor dem verhängnisvollen Einfluss von Medien zu immunisieren, damit sich irgendwann kompetente Mediennutzende – heute: User – herausbilden. Erziehung ist Begleitung der Kinder ins Leben – nicht die Vorbereitung darauf! Das gilt gleichermaßen für die Erziehung zum Umgang mit Medien. Sie stellt sich im Kleinkindalter anders dar als in der Pubertät.

     

    - Über Medien werden Beziehungen thematisiert. Heranwachsende fahren auf Medien ab, grenzen sich darüber zugleich von vorangegangenen Generationen ab. Sie bringen ihre Eltern auf die Palme, rauben ihnen den letzten Nerv. Aber Medien sind noch viel mehr: Wenn sich Medien wandeln – wenn aus der analogen Welt eine digitale wird –, sind damit zugleich zwischenmenschliche Beziehungen berührt. Waren beim Lesen lernen Kinder noch auf Erwachsene angewiesen, so ist es beim Computer (fast) anders. Soll heißen: Sich auf die digitalen Fähigkeiten von Heranwachsenden einzulassen, ohne seine (analogen) Kompetenzen (Erziehungsverantwortung!) zu vergessen, ist ein Gebot der Stunde. Heranwachsende lieben authentische Persönlichkeiten, das ist eine Chance angesichts der Vielfalt der Medien.

     

    - Wenn man zurückblickt, stellt sich natürlich die Frage: Habe ich etwas unterschätzt? Zweifelsohne habe ich Anfang der 1980er-Jahre das Suchtpotenzial der – wie man sie damals nannte – neuen Medien nicht angemessen eingeschätzt. Mittlerweile weiß ich aus meiner Arbeit als Kommunikationspädagoge und Familienberater, dass die Möglichkeit nicht-stoffgebundener Süchte sehr wohl gegeben ist. Und damit bin ich beim Ausgangspunkt: Es geht nicht um den Stoff, sprich Medien, es geht um den Menschen, darum, welche Lebensumstände ihn abhängig werden lassen.

    Dr. Jan-Uwe Rogge ist Autor zu den Themen Kinder und Erziehung. Außerdem ist er selbstständiger Berater für Familien und pädagogisches Fachpersonal.

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    JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

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