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Swenja Wütscher: Familie, Freundschaft, Facettenglanz

    Zur Person

    Marjaleena Lembcke (2011). Die Füchse von Andorra. Berlin: DAV. Audio-CD. 9,99 €.

    „Schönheit hat ja viele Facetten. Wenn ich euch so ansehe, würde ich sagen mindestens vier.“ „Was sind Facetten?“ „Also stell dir einen Diamant vor, der hat doch viele verschiedene Flächen. Und je nachdem wie das Licht auf diese Flächen fällt, sehen sie sehr verschieden aus.“ „Ich glaube das ist ein bisschen kompliziert.“ „Nein. Wir sind aus ein und demselben Stein, aber für Papa glänzen wir ganz verschieden, weil ja das Licht immer wechselt.“ Wir, das sind Jonathan der Kluge, Felix der Nimmersatt, Frederike die Kleine und Sophie die Vernünftige. Gut, Sophie hat eine Doppelrolle, sie ist nämlich auch noch die Älteste der Vierlinge. Um die wilde Großfamilie aber komplett vorzustellen ist da noch Mama Marlene die Vertraute, die den Nachbarskindern Nachhilfe gibt und Papa Jochen der Geschichtenerzähler, der als Taxifahrer seinen Herzen zwar keine regelmäßigen Europaurlaube finanzieren kann, sich aber besonders liebevoll um diese kümmert. Und so nimmt er seine Kinder jeden Abend mit auf Traumreisen.

    Er ist einer dieser Väter, der nicht nur über seine eigenen verrückten Träume lachen kann, sondern insgeheim auch ein kleines bisschen daran glaubt, dass diese irgendwann Realität werden. Trotz dieser herzlich-humorvollen Geborgenheit, die sie umgibt, fühlt Sophie sich allerdings einsam. Sehr sogar. Die Zehnjährige träumt daher innig von einer Freundschaft mit ihrer mutigen Klassenkameradin Alice, deren Leben so vollkommen anders als ihres zu sein scheint.Wir schauten dem Vogelpärchen zu, das so fleißig hin und her flog, um seine Jungen zu füttern. Sie wussten genau, was sie zu tun hatten. Und ich, ich hatte Alice immer noch nicht angesprochen. Ich konnte wohl kaum einfach sagen: „Darf ich deine Freundin sein?“. Hmm … Sachen die man am liebsten sagen möchte, sagt man oft nicht. Und Fragen, die man stellen möchte, stellt man nicht. Nach einem Familienurlaub trifft Sophie plötzlich auch noch völlig unvorbereitet mit voller Breitseite das Leben, ihre vertraute Umgebung zerplatzt wie eine Seifenblase: Ihre Mutter scheint auf einmal dauerhaft traurig zu sein, irgendwie abwesend, und schaut durch Personen nur noch hindurch.Ja, sie will sogar nicht mehr ans Telefon gehen, versetzt ihre Nachhilfekinder und kümmert sich nicht einmal mehr ums Abendbrot für die Familie.

    Stattdessen liegt sie fast ausschließlich im Bett und wenn sie doch mal aufsteht, dann sitzt sie im Bademantel am Küchentisch, wie ein Gespenst. Sie ging einfach ins Schlafzimmer und machte die Türe zu. Ich wartete, ob sie wieder rauskam, um sich die Zähne zu putzen. Aber sie kam nicht. Ich ging zu den Jungen und setzte mich bei Felix aufs Bett. „Mama ist traurig.“ „Warum denn?“ „Was hat sie denn gesagt?“ „Nichts. Sie ist müde, hat sie gesagt und sie hat nicht mal Zähne geputzt.“So gerne würde Sophie all das Alice erzählen, aber die scheint sie einfach nicht zu beachten. Und so bleibt Sophie ganz allein in ihrer Welt, traut sich einfach nicht über ihre Probleme zu erzählen und geht Alice aus dem Weg. Die sich anbahnende Freundschaft droht an Missverständnissen zu zerbrechen.Von starken Familienbanden über innige Freundschaft und ein ernstes Tabuthema erzählt das Hörspiel Die Füchse von Andorra von zwei Kindern, die erst über Umwege zueinander finden. Mit viel Bedacht im Blick auf die Zielgruppe der ab Achtjährigen befasst sich die berührende Geschichte von Marjaleena Lembcke mit der Krankheit Depression und den Umgang damit. Untermalt wird diese Düsternis von wenig Spannung, von wenig Action. Vielmehr wird das schwierig-unübliche Thema behutsam aufbereitet, mit einer durchgängigen Ernsthaftigkeit, ohne Zeigefinger. Realistisch eben. „Sie hat gar nicht geweint.“ „Vielleicht sind ihre Tränen schon alle?“ „Das glaube ich nicht. Sie wollte nur nicht, dass wir sie sehen.“ Wie ein roter Faden zieht sich eine Botschaft durch das Hörspiel: dass es kein Anzeichen von Schwäche ist, nach Hilfe zu suchen, wenn man sich selbst nicht mehr helfen kann.

    Undidaktisch aber glaubwürdig schenken die liebenswerten Charaktere – wie auch schon im gleichnamigen Roman – den Zuhörerinnen und Zuhörern Mut, dass Probleme gemeinsam gemeistert werden können. Die Erzählperspektive ermöglicht es, Sophies kindliche Gedanken wahrzunehmen – auch dank der grandiosen Sprecherin Alexandra Henkel, die die unterschiedlichen Gemütszustände ihrer Figur mit Fingerspitzengefühl und Natürlichkeit greifbar umsetzt. Auf gleicher Augenhöhe reihen sich auch das unbekümmerte Geschwisterteam, der lebensfrohe und fantasievolle, späterbesorgte Familienvater und Ehemann sowie die schwermütig verzweifelte Mutter mit Stimmungsschwankungen und steigender Lustlosigkeit ein. Die Kinderstimmen überzeugen dabei ebenso wie die gestandenen Erwachsenen. Auch dramatisiert die Hintergrundmusik nicht mit großartigen Effekten Hoffnung oder Hilflosigkeit, sondern sorgt für eine warmherzige, gefühlsbetont-ruhige Atmosphäre, indem sie sich mit unspektakulär-sanften und dezent-melancholischen Melodien in die Geschichte einpflegt.

    Mehr als zu Recht ist die Hörspielproduktion des WDR und SWR dafür mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2012 als bestes Kinderbuch ausgezeichnet worden; und mit dem Auditorix Hörbuch-Siegel 2012/2013. Die Füchse von Andorra werden im 54-Minuten-Hörspiel so magisch-sensibel inszeniert, dass sie ihr Publikum – gleich welcher Altersklasse – zu Tränen rühren und gleichzeitig ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Es ist eben nicht nur die Welt der kleinen Sophie, die da erzählt wird, sondern der Alltag, der hin und wieder an jeder Haustüre anklopft. Der Alltag, in dem Glück manchmal bedeutet, nicht unglücklich zu sein.

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    Kathrin Demmler | Prof. Dr. Bernd Schorb
    JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

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