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Das eigene Ich und die Ichs Anderer

Buchbesprechung: Valentin Groebner ‚Bin ich das?‘

 

Wo lässt sich wohl mehr das eigene Image vor einem breiten Publikum präsentieren und über sich erzählen als im Internet. Mittels Smartphone ist die eigene Bühne immer nur einen kurzen Fingerwisch entfernt. Als ‚Empfindungsübertragungsmaschine‘ bezeichnet der Autor und Historiker Valentin Groebner deshalb das Smartphone. „Das hungrige Ding, das mir ununterbrochen die privaten Empfindungen und Erlebnisse meiner Freundinnen und Freunde meldet, will dafür auch gefüttert werden mit meinen eigenen Nachrichten, Bildern und Ich-Momenten.“ Das eigene Ich wird zum Material, um den eigenen Zielen und Wünschen näher zu kommen. Wer von sich erzählt, gilt im 21. Jahrhundert nicht nur als offen und mitteilsam, es besteht vielmehr ein Zwang zur Werbung in eigener Sache. Um beruflich und privat erfolgreich zu sein, gilt es die eigene Schokoladenseite zu zeigen. Schließlich entscheiden Herzchen oder Likes über Erfolg und Misserfolg. Die Gratwanderung zwischen Authentizität und Selbstauskunft kann deshalb bisweilen ziemlich anstrengend sein.

Doch die Pflicht zur Selbstauskunft gibt es nicht erst seit Internet und Smartphone. Sie reicht viel weiter zurück. Schon seit dem 13. Jahrhundert gibt es etwa die Beichte. Ob dies ein aufgezwungenes oder freiwilliges Erzählen ist? – Die einen sagen so, die anderen so.

Aber auch Tattoos oder alte gepostete Kinderfotos in den sozialen Netzwerken sagen etwas über die entsprechende Person aus, egal ob dies nun freiwillig oder unfreiwillig geschieht.

Es ist ein Erzählen von der Vergangenheit und gleichzeitig über die Wünsche an die Zukunft. Wer sich auf einem Dating-Profil anmeldet, sucht vielleicht die große Liebe, wer in einer Jobbörse auf den Headhunter wartet, hofft auf der Karriereleiter nach oben zu klettern. Doch was macht das mit uns? Wie viel ist davon Zwang? Wie viel Lust? Warum sagen eigentlich alle ständig ‚Ich‘? Geht es da um einen selbst oder nur um eine Erfindung des eigenen Wunschbilds von sich, so wie man sein möchte‘?

 

Für die unterhaltsame und lesenswerte Wisenschaftslektüre ‚Bin ich das? Eine kurze Geschichte der Selbstauskunft‘ recherchierte Valentin Groebner quer durch die Literatur-, Medien- und Kommunikationsgeschichte. „Ich verstehe mich als Autor und Hochschullehrer. Beides ist eng miteinander verbunden, ich entwickle meine Bücher in meinen Lehrveranstaltungen und lerne von meinen Studierenden und Mitarbeitern,“ schreibt er auf der Internetseite der Universität Luzern, wo er seit März 2004 Professor für Geschichte des Mittelalters und der Renaissance ist. Seine historischen und wissenschaftlichen Inhalte verpackt Groebner in acht Kapiteln kurzweilig, mit Humor und Selbstironie.

Selbstauskunft ist das Erzählen von sich in Texten, aber auch Bildern, insbesondere Fotografien. Ob beim ‚Klicken in den digitalen Kanälen‘, in ‚Schachteln voller Dias‘ oder ‚Schachteln voller Negativrollen‘, die sich in so manchen Kellern und auf Dachböden finden lassen. Dem Medium Fotografie widmet Groebner deshalb ein eigenes Kapitel. Für ihn sind Fotografien ‚Erinnerungsmaschinen und gleichzeitig selbstgemachte Orakel‘. Pointiert erläutert Groebner, warum er das so sieht: „Sie [Anmerk. d. Red. Fotografien] bringen nicht irgendetwas zurück oder machen es »wieder« sichtbar, sondern erzeugen Neues durch nachträglich implementierte Bedeutungen. Sichtbar gemachte und häufig vervielfältigte Fotos bringen dementsprechend das, was unfotografiert geblieben ist, ziemlich effizient zum Verschwinden.“

Der von litera.taz als „eine(r) der coolsten Geschichtswissenschaftler momentan überhaupt“ titulierte Autor liefert den Leser*innen mit seinem Band jenen historischen Hintergrund zu all dem, was ihnen jeden Tag nicht nur beim ‚Klicken durch die digitalen Kanäle‘ begegnet: Das eigene Ich und die Ichs der Anderen. 

 

Groebner, Valentin (2021). Bin ich das? Eine kurze Geschichte der Selbstauskunft. Frankfurt am Main: S. Fischer. 192 S., 20,00 €.

 

Heinrike Paulus
 

 

Einen Vorgeschmack auf die Lektüre des Buchs gibt Autor Valentin Groebner in zwei Podcast-Folgen in der Reihe SWR Essay:

 

https://www.swr.de/swr2/doku-und-feature/swr2-essay-2020-02-24-100.html

 

https://www.swr.de/swr2/doku-und-feature/in-der-wunderwelt-der-wuensche-swr2-essay-2020-12-21-100.html


Teaser-/Headerbild: Cover-Abbildung S. Fischer Verlag


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