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SWIPE DES MONATS: Es ist wieder soweit

Ein Höhepunkt für viele Kinder und Familien ist der Tag der Einschulung. Auch wenn ich keine Kinder mehr habe, die noch eingeschult werden, kann ich dennoch jedes Jahr dieses Ritual hautnah miterleben. Nein, ich leihe mir keine Kinder aus der Nachbarschaft aus oder gehe rein zufällig am Tag der Einschulung vor Grundschulen spazieren. Sondern ich verteile ehrenamtlich vor dem Schulhof Brotdosen als Willkommensgeschenk an die ankommenden Erstklässler*innen – natürlich mit dem pädagogischen Hintergedanken, dass diese zu einem gesunden Pausenbrot animieren. Die Kinder sind meist etwas verwundert, aber die erwachsenen Begleitpersonen nehmen das Geschenk dankbar an. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die Mehrzahl dieser Dosen ihrem eigentlichen Zweck zugeführt wird. Stattdessen – so vermute ich – werden viele Dosen wohl von den kleineren Geschwistern umfunktioniert und als Legodose, als Badewanne für die Playmobilmännchen oder als Tränke für den Hamster genutzt. Aber egal.

Viele Eltern denken sich offenbar auch ‚Wenn der Mann schon hier steht, könnte er doch auch ein Foto von uns allen machen‘. Gerade in Zeiten von Corona – wo sich lange Schlangen vor dem Eingang bilden, da bei allen der Besucher*innen erst der 3G-Nachweis geprüft werden muss – bietet sich die Zweckentfremdung des Brotdosenverteilers an und so mutiere ich zum Eventfotografen. Allerdings: Bekam ich früher wenigstens gelegentlich noch eine richtige Fotokamera in die Hand gedrückt, sind es jetzt nur noch Handys, die mir gereicht werden. Nach dem Schnappschuss reihen sich die Familien dann wieder in die Schlange der Wartenden ein und nutzen die Zeit, die Fotos gleich an Freunde und Verwandte zu verschicken, die  – auch auf Grund von Corona – nicht live dabei sein können. Da es sich bei einer Handykommunikation nicht um eine Einbahnstraße handelt kommen postwendend Antworten zurück, die von den Eltern dem aufgeregten Schulkind unter die Nase gehalten werden. Da es sich bekanntlich um Erstklässler*innen handelt, können diese erst einmal nur die vielen Symbole – Herzchen, Kussmünder, Daumen nach oben – entziffern. Mit den Glückwünschen, die als Text verschickt wurden, tun sie sich da schon schwerer. Also wird die ganze Schlange vor dem Eingang zu einer ‚Vorleseschlange‘ im öffentlichen Raum. So weiß ich jetzt, dass sich Oma Gunda sicher ist, dass Emil viel Spaß in der Schule haben wird, dass Onkel Paul auch schon in dieser Schule war und vorschlägt, dass Anne sich in die vorderste Reihe setzen soll und Tante Gisela meint, dass der erste Schultag der schönste ist. Die Stiftung Lesen würde sich über so viele Vorlesepat*innen bestimmt freuen. Spätestens mit dem Eintritt in das Klassenzimmer endet abrupt die Handyzone. Ich überlege noch, was für die Kinder der größere Abschiedsschmerz ist: Dass sie ohne Eltern in der Schule bleiben müssen oder dass sie jeder Kommunikationsmöglichkeit mit der Welt außerhalb des Klassenzimmers beraubt sind.

 

Auf dem Nachhauseweg bekomme ich das Bild der vielen Eltern mit dem Handy in der Hand einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ich glaube, ich muss meine Folien für den Elternabend zum Thema Handynutzung einmal überarbeiten. In Zukunft werde ich mit der Handynutzung der Eltern einsteigen und mir viel Zeit nehmen, diese zu referieren. Erst zum Schluss werden wir dann über die Handynutzung der Kinder sprechen – oder vielleicht auch gar nicht.

Klaus Lutz


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