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#MTMdigitalks: Wie der Ukraine-Krieg die Medienwelt in Atem hält – ein Rückblick – Teil 2

Der nachfolgende Beitrag ist der zweite Teil des Rückblicks auf die sechste Ausgabe der #MTMdigitalks-Reihe. Bei dem Online-Event der Medientage München stand im Fokus, wie Medien mit dem Krieg in der Ukraine umgehen und was dieser Konflikt langfristig für die Medienwelt bedeuten könnte. Denn es zeigt sich immer deutlicher: Hier herrscht ein Medien- und Informationskrieg erschreckenden Ausmaßes.

Während im ersten Teil des Rückblicks die medialen Mechanismen des Krieges und die politischen Entscheidungen der Akteur*innen aus juristischer Sicht beleuchtet wurden, soll es in diesem Teil um die Rolle des Journalismus und der Berichterstattung in Zeiten des Krieges gehen. Außerdem wird dargestellt, welchen Beitrag Deutschland derzeit leistet, um Journalist*innen vor Ort zu unterstützen. Schließlich wird in einem letzten Impuls darauf eingegangen, welche Bedeutung Desinformationen und Propaganda in dem Konflikt einnehmen.

Journalismus und Berichterstattung in Kriegszeiten

Die aktuellen Umstände führen vor Augen, wie wichtig unabhängige, vertrauenswürdige Informationen in diesem Konflikt sind, ein „umkämpftes und wichtiges Gut“, wie Christian Mier, Geschäftsführer der Organisation Reporter ohne Grenzen, festhält. Er beschreibt eindrücklich, wie im Zuge der Konfliktverschärfung die mediale Infrastruktur systematisch zerstört und der Journalismus zunehmend von den Kriegsparteien vereinnahmt werde.  Die russischen Besatzer*innen kämpfen gegen eine objektive Berichterstattung ihrer Kriegsverbrechen in der Ukraine, wodurch mittlerweile bereits sechs Journalist*innen getötet und mindestens elf verletzt wurden. Gerade angesichts dieser direkten Angriffe auf die Pressefreiheit scheint es, so Mier, umso eindrücklicher, dass ein Großteil der ukrainischen Journalist*innen die Ukraine nicht verlassen und weiter direkt vor Ort berichten wollen, um die dynamische Entwicklung des Geschehens  bestmöglich abbilden zu können, so Mier. Um gerade diese im Land verbliebenen Journalist*innen zu unterstützen, hat es sich das Team von Reporter ohne Grenzen zur Aufgabe gemacht, Schutzausrüstung und -räume bereitzustellen, um den Betroffenen schnell und flexibel dabei zu helfen, ihre Arbeit weiterzuführen.

Eine dieser Journalist*innen, welche direkt aus der Ukraine berichten, ist Andriy Dikhatyarenko, Senior News Editor beim öffentlich-rechtlichen ukrainischen Sender UA PBC. Auch sein Arbeitsalltag ist geprägt durch hochriskante Vor-Ort-Recherchen, die mit einer permanenten Angst vor neuen Angriffen einhergehen. Auch die Konfrontation mit dem Verlust von Kolleg*innen stellt für ihn und sein Team eine enorme Belastungsprobe dar. Zugleich erwartet die Öffentlichkeit weiterhin eine verlässliche Berichterstattung in Echtzeit. Doch wie ist es unter solchen Umständen überhaupt möglich, unabhängige Informationen einzuholen und wie können diese schließlich verifiziert werden?

An dieser Stelle sei, so schildert Dikhatyarenko, vor allem der Kontakt mit Korrespondent*innen an den zentralen ‚Hotspots‛ in der Ukraine entscheidend, um die Lage der ukrainischen Bevölkerung in den einzelnen Gebieten abzubilden und zu erfahren, welche Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten es gibt, um alle Bürger*innen in dieser Situation aufzufangen. Hinsichtlich des Anspruches einer unabhängigen Berichterstattung gelte es dabei fortwährend abzuwägen zwischen dem Auftrag, die Bevölkerung mit verlässlichen Informationen zu versorgen und zugleich die Sicherheitsbedürfnisse der Menschen vor Ort im Blick zu behalten. Deshalb zeige sein Team auch keine militärischen Einheiten, die russische Beobachter*innen erkennen und somit jederzeit zum Angriffsziel erklären könnten.

Dass die Arbeit nahe umkämpfter Gebiete mit hohen Risiken einhergeht, davon berichtet auch ZDF-Journalistin Katrin Eigendorf. Durch ihren Einsatz vor Ort hat sie Eindrücke von der Situation ukrainischer Journalist*innen gewinnen können und beschreibt, dass die Kriegssituation die Möglichkeiten zur freien Berichterstattung erheblich einschränkt. Dies läge nicht nur an den unzähligen Kontrollen, sondern auch an den Befürchtungen der Bevölkerung vor Ort, russische Spione könnten verdeckt als Journalist*innen unterwegs sein. Trotz dieser erschwerten Bedingungen sei es nach Eichendorf unbedingt notwendig, sich ein direktes Bild von der Situation im Land zu machen und von dort aus zu berichten, um das Geschehen für die Öffentlichkeit verständlich und nachvollziehbar aufbereiten und einordnen zu können.

Was passiert nun aber in Deutschland? Wie wird hier Hilfe geleistet?

Um die Berufskolleg*innen in der Ukraine zu unterstützen, hat das sich Redaktionsteam des KATAPULT-Magazins aus Greifswald kurzerhand dazu entschieden, ‚KATAPULT Ukraine‘ ins Leben zu rufen. Redakteur und Projektverantwortlicher Max Rieck berichtet, dass die Idee zu der ukrainischen Ausgabe von KATAPULT bereits kurz nach Beginn des Krieges entwickelt wurde, da innerhalb der Redaktion der große Wunsch bestand, Angehörige derselben Profession so gut wie eben möglich zu unterstützen. Für die neue Ausgabe verzichten daher viele Mitarbeitende freiwillig auf einen Teil ihres Gehaltes, der Rest wird über Solidaritäts-Abos und Spenden finanziert.

Die Pläne des Redaktionsteams gehen jedoch noch weiter: So soll ein Teil des Redaktionsgebäudes zu einer Unterkunft für ukrainische Geflüchtete ausgebaut werden. Mit Arbeitsplätzen und Wohnraum soll ukrainischen Journalist*innen eine langfristige Perspektive in Deutschland ermöglicht werden. Wie Rieck anmerkt, verbleiben jedoch weiterhin viele von ihnen in der Ukraine, um direkt aus dem Land berichten zu können. Wie Reick festhält, sei die Redaktion jedoch nicht nur offen für die Aufnahme ukrainischer, sondern auch geflüchteten russischen Journalist*innen. Gerade dadurch ergäbe sich auch das Potenzial, gegen Desinformationen einzutreten und der russischen Propaganda etwas entgegenzusetzen.

Doch wie ist es nun konkret um Falschmeldungen und Propaganda im Krieg bestellt?

Dieser Frage widmete sich Autorin und Journalistin Ingrid Brodning, die sich im Rahmen ihrer Arbeit intensiv und regelmäßig mit Desinformation im Netz, mit Querdenker*innen und Verschwörungstheorien beschäftigt. Sie verfolgt Russlands Bemühungen, die Medienlandschaft gleichzuschalten und dem staatlichen Propaganda-Apparat unterzuordnen, schon seit über sechs Jahren. Im Syrienkrieg seien damals bereits Mechanismen der staatlichen Kontrolle von Medienorganen sichtbar geworden, die im Zuge der Corona-Pandemie nochmals verstärkt worden seien. 

Dass nun alternative Medien, Querdenker*innen und Verschwörungstheoretiker*innen mit Putin und dem Kreml sympathisieren, wundert Brodning nicht. Gerade die Entschlossenheit und Härte, mit welcher der russische Staatschef seine politischen Entscheidungen trifft, stoßen in diesen Kreisen auf erheblichen Zuspruch. Die eskalierenden Entwicklungen in der Ukraine werden von diesen Personengruppen als Gelegenheit begriffen, um radikal-undifferenzierte Medienkritik zu äußern und zu verbreiten, so Brodning. Nach Ansicht der Journalistin sei die Krise demnach eine Überlebenschance für „wütende communities“, welche die russischen Narrative aufgreifen, um Anhänger*innen anzuwerben und neues Konfliktpotenzial hervorzubringen.

Insgesamt belaufe sich die Zahl der Sympathisant*innen jedoch nur auf eine Minderheit, so Brodning. Dies sei als positives Zeichen dafür zu werten, dass die russischen Manipulationsversuche doch nicht die erhofften Wirkungen erzielen, hält die Journalistin fest. Ein wesentlicher Grund dafür sei ihrer Ansicht nach vor allem die „Wehrhaftigkeit“ der Medienlandschaft, die sich im Laufe der letzten Wochen immer mehr herauskristallisiert habe. Gerade der Aufbau von neuen Factchecking-Angeboten in den letzten Jahren sei ein wichtiger Impuls für eine positive mediale Weiterentwicklung, die sich dem Kampf gegen Desinformation und Propaganda annimmt.

 

Die Impulse haben insgesamt alle eindrücklich dargestellt, wie sich der Ukraine-Krieg auf die Medienlandschaft auswirkt und welche Mechanismen dabei eine zentrale Rolle spielen. Auch wenn es unmöglich ist, alle Facetten des Konfliktgeschehens und deren Wirkungen abzubilden, haben einzelnen Impulse eindrücklich dargestellt, was der Konflikt für die Perspektive und Zukunft der Kriegsberichterstattung bedeutet und wie genau Medien von den unterschiedlichen Parteien genutzt werden, um eigene Interessen und Machtansprüche durchzusetzen. Vor diesem Hintergrund kann festgehalten werden, dass Falschinformationen zu einem gefährlichen Werkzeug im Ukraine-Konflikt geworden sind und ihre Verbreitung ein Ausmaß angenommen hat, welches sich kaum noch kontrollieren lässt.

Die Aussagen der Expert*innen beweisen, dass gerade der Umgang mit Unsicherheit und Ungewissheit Journalist*innen und Medienschaffende zur kritischen Reflexion ihrer Rolle und ihrer Verantwortung bewegt. In einem Konflikt, in dem widersprüchliche Informationen, Halbwahrheiten und gezielte Manipulation eine zentrale Rolle spielen, werden schließlich neue Spannungs- und Problemfelder sichtbar, die es zukünftig gesamtgesellschaftlich zu bearbeiten und zu bewältigen gilt.

Lisa Melzer

 

Hier geht's zur Aufzeichnung des Online-Events.

Eine ausführliche Zusammenfassung der Veranstaltung kann auf dem Blog der Medientage München nachgelesen werden.


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Herausgeber*in

Kathrin Demmler | Prof. Dr. Bernd Schorb
JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis

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