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call for papers – merzWissenschaft 2017

Medienpädagogik zwischen Digital Humanities und Subjektorientierung

  • Call for Papers
Verantwortliche Fachredaktion: Prof. Dr. Heidrun Allert (Universität Kiel) und Redaktion merzWissenschaft (JFF)

Verlängert: Neue Einreichfrist am 27. Februar | Extended Deadline: 27 February


merzWissenschaft 2017 will die wissenschaftliche Reflexion von Herausforderungen und Konsequenzen, die mit der Anwendung von computerbasierten Verfahren in der sozialwissenschaftlichen Forschung verbunden sind, anregen und im medienpädagogischen Diskurs verankern. Ziel ist eine Positionierung gegenüber der Anwendung digitaler Verfahren in der wissenschaftlichen Arbeit und damit die Frage, wie digital und computerbasiert medienpädagogische Forschung ist, sein kann oder sein sollte. Das zu reflektierende Spektrum reicht von neuen Erhebungsverfahren (z. B. integriert in Apps) über die Anwendung von Big Data Analytics für die Auswertung von großen, aber auch kleinen und personenbezogenen Datenbeständen mit dem Ziel, daraus Erkenntnisse zu generieren bis hin zu der Frage des Austauschs und der Verfügbarkeit von Wissen. Im Fokus steht sowohl originär medienpädagogische Forschung wie auch Forschung in den relevanten Bezugsdisziplinen (Kommunikationswissenschaft, Pädagogik, Soziologie, Psychologie, Informatik etc.).

Exemplarisch verweist das Schlagwort ‚Big Data‘ laut Schrape (2016) auf einen Erwartungsraum sowohl für Utopien als auch für Dystopien. In diesem Spannungsfeld zwischen Hoffnungen und Befürchtungen beschäftigen sich bereits vorliegende Publikationen aus dem Bereich der Medienpädagogik vornehmlich mit der Frage, welche Konsequenzen für die medienpädagogische Praxis zu ziehen sind.

Big Data Analytics wird aber auch ein neuer erkenntnistheoretischer Zugang zu sozialen Prozessen zugeschrieben. Postuliert wird, dass die Ansätze des Data Mining objektiver und unabhängig von theoretischen Vorannahmen gesellschaftliche Prozesse abbilden und analysieren können und dadurch etablierten Methoden der sozialwissenschaftlichen Forschung überlegen seien. Angesprochen sind damit Unterschiede zwischen einer ‚data-driven‘ und einer ‚theory-driven‘ wissenschaftlichen Vorgehensweise. Damit wird zugleich ein Scheidepunkt markiert, an dem digitale Verfahren nicht allein Hilfsmittel oder Werkzeuge für die wissenschaftliche Arbeit sind. Vielmehr stellt sich die Frage, wie diese Verfahren mit zentralen Prinzipien medienpädagogischer Forschung wie der Subjektorientierung und der Gegenstandsangemessenheit der Erhebungsverfahren in Konflikt stehen. Entsprechend muss sich Medienpädagogik als wissenschaftliche Disziplin mit derartigen Ansätzen kritisch-reflexiv auseinandersetzen, um sich ihres Theorie- und Methodenrepertoires zu vergewissern und gegebenenfalls datenbasierte Ansätze aufgreifen oder begründet ablehnen zu können.
Teil einer solchen kritischen Reflexion ist notwendigerweise auch die Überprüfung, inwiefern zentrale Konzepte der medienpäda­gogischen Theoriebildung (wie z. B. die normative Orientierung an einer Selbstbestimmung der Subjekte) mit den Implikationen der digitalen Verfahren vereinbar sind bzw. wo diesbezüglich Konfliktlinien auszumachen sind. Eine wichtige Grundlage bildet dabei die Auseinandersetzung mit Menschenbildern bzw. Subjektivierungsprozessen im Verhältnis zwischen Mensch, digitalen (Medien-)Systemen und Institutionen sowie Unternehmen. Pole dieses aktuellen Diskurses sind in der Vorstellung von computerassistierten Menschen als Mensch-Maschine-Hybride (resp. Cyborgs) auszumachen, wobei Menschen durch die eingesetzten Technologien eine Erweiterung ihrer Handlungsfähigkeiten erfahren. Diesen Konzepten stehen Theorietraditionen entgegen, die den Menschen durch computerisierte Auswertungs- und Entscheidungsverfahren in ihrer Handlungsfähigkeit beschränkt sehen. Zwischen diesen Polen findet sich auch die Position der ko-konstitutiven Verwobenheit von Mensch und Technologie, wobei die Qualitäten beider in Praktiken emergent sind. Die Handlungsfähigkeiten werden in dieser Vorstellung nicht (nur) erweitert, sondern qualitativ transformiert. Für eine medienpädagogische Positionsbestimmung ist entsprechend unverzichtbar darzulegen und zu reflektieren, mit welchen theoretischen Ansätzen und Grundannahmen gearbeitet wird. Insbesondere auch deshalb, da die Plattformen und Technologien selbst schon Wirklichkeit (mit-)erzeugen und nie neutral gegenüber den Gegenständen sind, die für medienpädagogische Forschung relevant sind. Dies beeinflusst auch die Diskussion darüber und trägt dazu bei, welche Fragen und Prozesse im Fokus medienpädagogischer Betrachtung liegen.
Zugleich stellt sich in der medienpädagogischen Forschung die Frage, wer über einen Zugang zu relevanten Datenbeständen verfügt und inwiefern unabhängige Forschung damit möglich ist. Denn gerade die Daten, die im alltäglichen Medienhandeln entstehen, sind (aus gutem Grund) nicht frei zugänglich. Nichtsdestotrotz können die Anbieter digitaler Dienste einen umfassenden Datenstock aufbauen, den sie mit den entsprechenden Methoden auswerten können. Die damit einhergehenden Fragen der ungleichen Bedingungen und Voraussetzungen kommerzieller und akademischer Forschung bedürfen in dem gesellschaftlich relevanten Bereich der Medienpädagogik bzw. Medienbildung besonderer Reflexion und Kritik.

Neben den bereits angesprochenen Anwendungsfeldern und Fragestellungen entstehen aktuell unter dem Label Digital Humanities vielfältige Ansätze, digitale Technologien in die wissenschaftliche Arbeit einzubinden. Mit der Frage, wie digital (medienpädagogische) Forschung ist, sein kann oder sein sollte, sind auch Beiträge zu derartigen Ansätzen von Interesse.

merzWissenschaft 2017 lädt theoretische oder empirische Beiträge ein, die sich mit den skizzierten Themenfeldern im Hinblick auf sozialwissenschaftliche Forschung beschäftigen und damit für die Medienpädagogik instruktiv sein können. Mögliche Fragestellungen umfassen dabei die folgenden Bereiche:
Welche Herausforderungen stellen sich bei der Bearbeitung medienpädagogischer Fragestellungen in der wissenschaftlichen Arbeit angesichts der Digitalisierung?
Welche theoretischen und normativen Fragen stellen sich zum Verhältnis Mensch – Medien – Gesellschaft angesichts der Digitalisierung als Grundlage für medienpädagogische Forschung und Praxis?
  • Welche Implikationen haben die aktuellen Entwicklungen der fortschreitenden Digitalisierung für die Vorstellung vom Menschsein in medienpädagogischen Ansätzen?
  • Welche neuen digitalen Praktiken und Methoden werden in der medienpädagogischen Forschung bzw. in Bezugsdisziplinen entwickelt? Wie verhalten sich diese zu zentralen Prämissen medienpädagogischer Theoriebildung wie der Handlungsorientierung, der Subjektorientierung etc.? Wie sind sie in Bezug auf normative Konzepte wie Medienkompetenz und Medienbildung einzuschätzen?
  • Welche aktuellen empirischen Erkenntnisse liegen bereits durch neuartige Formen des Einsatzes digitaler Technologien in der medienpädagogischen Forschung bzw. in angrenzenden Wissenschaftsbereichen vor?
  • Welche Konsequenzen sind aus der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Mensch – digitale Medien – Gesellschaft für die Entwicklung medienpädagogischer Modelle abzusehen?

merzWissenschaft bietet ein Forum, um die wissenschaftliche Auseinandersetzung in der Medienpädagogik zu fördern und die theoretische Fundierung der Disziplin weiterzutreiben. Hierzu lädt merzWissenschaft qualifizierte Beiträge aus verschiedenen einschlägigen Disziplinen zur Weiterentwicklung der medienpädagogischen Fachdiskussionen ein.
Erwünscht sind Originalbeiträge, die
  • empirisch oder theoretisch fundiert sind,
  • neue Erkenntnisse, Aspekte oder Zugänge zum Thema aufzeigen und dabei
  • explizit Bezug zu einem der skizzierten Teilbereiche oder einer Fragestellung herstellen bzw. eine eigene Fragestellung im Gesamtkontext des Calls konturieren.

Abstracts mit einem Umfang von max. 6.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) können bis zum 13. Februar 2017 bei der merz-Redaktion (merz@jff.de) eingereicht werden. Formal sollen sich die Beiträge an den Layoutvorgaben von merzWissenschaft orientieren, die unter www.merz-zeitschrift.de (über merz  für autoren und autorinnen) verfügbar sind. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an Susanne Eggert, fon+49.89.68989.152, E-Mail: susanne.eggert@jff.de

Termine im Überblick
27. Februar 2017: Abgabe der Abstracts an merz@jff.de
10. März 2017: Entscheidung über Annahme/Ablehnung der Abstracts
12. Juni 2017: Abgabe der Beiträge
12. Juni bis 24. Juli 2017: Begutachtungsphase
August/September 2017: Überarbeitungsphase (ggf. mehrstufig)

Eine PDF-Version des call for papers können Sie hier herunterladen.

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You can download the English version of the call here.
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