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aus dem Heft: 2002/05: Migration und Medien
in der Rubrik: kolumne

Goedart Palm: Humanitätsappell gegen mediale Gewalt

Der zum Kulturstaatsminister avancierte Ethikphilosoph Julian Nida-Rümelin interpretierte den Erfurter Amoklauf als eindringliches Gefahrensignal. Die mühselig erreichte Humanisierung der Gesellschaft drohe in der Flut gewaltdurchtränkter Medieninhalte weggespült zu werden. Das Erfurter Massaker habe sein tödliches Filmskript erst in medialen Fantasien gefunden.

Die gesellschaftliche Selbststilisierung des humanen und friedlichen Miteinanders vereinbart sich schlecht mit autistischen Amokläufern. Solche Attentäter setzen ihre nackte Existenz ein, um ihrer Rache, Wut und Hilflosigkeit das höchstmögliche Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit zu verleihen. Robert Steinhäuser, der Schulversager, schaffte es immerhin bis zur Abbildung seines Porträts auf dem TIME-Magazine. Die Quelle des Übels wird gleichwohl nicht mehr wie einst so mythologisch wie sprachlos im unhintergehbaren Typus des Sündenbocks verortet. Stattdessen bezichtigt sich die Gesellschaft nun selbst, die Gewalt zu produzieren. Familien, Bildungseinrichtungen und die gewaltfreudigen Medien der Spassgesellschaft sitzen auf der Anklagebank. Diese Schuldzuweisung hält sich aber zumeist nicht lange mit den Feinheiten komplexer Wirkungszusammenhänge auf. So wie es der philosophierende Kulturstaatsminister nun wieder vorgibt, konzentriert sich der selbstgefällige Diskurs vornehmlich auf die allgegenwärtigen Abbildungen der Gewalt. Wer über die wuchernden Medien der Gewalt redet, Bilder, Filme, Computerspiele und Texte inkriminiert, erspart der westlich exklusiven Gesellschaft humanen Fortschritts die Selbstreflexion ihrer dunkelsten Seiten. Die fragilen Erkenntnisse zur Mediengewalt werden dann wie in Julian Nida-Rümelins Verdikt kurzerhand zum Abbildungsverbot bzw. scheinliberal zum "Prinzip der regulierten Selbstregulierung" umgemünzt. Und dieser ordnungspolitische Bildersturm folgt, wie Michael Kunczik richtig beobachtet hat, regelmäßig der bildungsbürgerlichen Differenzierung von Hoch- und Alltagskultur: Shakespeare ja, Counterstrike nein. Das Verbot stößt sich dabei nicht am Paradox, dass Mediengesellschaften die schrecklichen Bilder im Überfluss produzieren. Umfassend können solche Darstellungen den Medien schon deshalb nicht ausgetrieben werden, weil die mehr oder minder hehren Zwecke der Information, Aufklärung, Wissenschaft und Kunst, nicht weniger als Meinungs- und Wirtschaftsfreiheit, staatlichen Zensurgelüsten enge Grenzen setzen.

Wirken Bilder und Texte der Gewalt kathartisch oder suggestiv? Dieser kontextlosen Frage verdankt sich ein offener, mehrtausendjähriger Diskurs, der mit Platons Verdikt gegen Märchen beginnt, während etwa Aristoteles auf die kathartische Wirkung der Poesie vertraute, und der auch gegenwärtig zahllose Zensurgelüste gegenüber dem vermeintlich fatalen Einfluss von Filmen, Bildern und Texten auf die beeindruckbare Psyche jugendlicher Täter motiviert. Nida-Rümelin ist überzeugt, dass es einen wissenschaftlich abgesicherten Zusammenhang zwischen realer Gewalt und ihrer suggestiven Handlungsanleitung in den Medien gibt. Dabei lässt sich allein für bestimmte Tätertypen unter bestimmten Voraussetzungen eine mehr oder weniger gesicherte Kausalität von dargestellter und ausgeübter Gewalt bestätigen. Die Suggestionsthese verstrickt sich bei näherer Betrachtung tief in den Zusammenhang von Erziehungs- wie Milieudispositionen, aber auch habituellen Momenten des Täters. Der isolierte Kampf gegen Gewaltdarstellungen wird als selbstreferenzielles Schattengefecht geführt, das seine moralische und philiströse Anmaßung nur schlecht verbergen kann. Allein die dem Schrecken entspringende Provokation, dass das Selbstbild friedfertiger Gesellschaften ein Irrtum sein könnte, wird dann bis zum nächsten Gewaltausbruch oberflächlich gelindert.

Weder die Apologetik noch die Verdammung solcher Darstellungen reagieren angemessen auf juvenile Gewalt. Auch eine Zensur, die sich nicht staatlichen Herrschaftsinteressen verschreibt, sondern mit Nida-Rümelin der Humanität, verkümmert in Zeiten globaler Vernetzung ohnehin zur anachronistischen Geste. Kurze Zeit nach Robert Steinhäusers Amoklauf präsentierte die US-Army ein interaktives, im Internet frei erhältliches Simulationsspiel, um zukünftigen Kombattanten ein virtuelles Killertraining zu spendieren. Wer der Gesellschaft die Gewalt durch Zensur austreiben will, ohne fundamental in ihr Betriebssystem einzugreifen, rechtfertigt lediglich den status quo gewaltbereiter Gesellschaften, so aufrichtig seine gegenteiligen Beteuerungen auch sein mögen.

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    Autor/innen: Goedart Palm
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